Online-Dating

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Liebe, Sex, Beziehungen: das war noch nie so einfach wie heute. Das Smartphone macht es möglich, von der Couch aus viele Menschen mit ein paar Klicks kennenzulernen.

Es geht ja so leicht: Mit dem Handy kann man von zu Hause Kontakte knüpfen, man kann in der Komfort-Zone bleiben und von seiner Couch eine Beziehung anbahnen. Was im Alltag oft Mut erfordert und viel schwieriger zu handhaben ist, ist mit Tinder ein Kinderspiel. Tinder, eine Gratis-App, ist längst ein „Must-have“, und zwar weltweit: Mit mehr als 50 Millionen Usern schafft es Tinder unter die Top Ten der am meisten genutzten Apps. 

Tinder ist vor allem bei Jugendlichen sehr beliebt. Dabei geht es nicht nur vorrangig um Sex. Eine Studie hat gezeigt, dass nur etwa ein Fünftel der Tinder-Nutzer tatsächlich einen One-Night-Stand sucht. Die Gründe, warum Tinder, aber auch andere Online-Dating-Angebote so häufig genutzt werden, sind vielschichtiger: Hauptmotivation ist für viele User die Suche nach der sprichwörtlich großen Liebe. Erst dann rücken weitere, wesentlich weniger romantische Gründe in den Vordergrund. Die Suche etwa nach einem Partner zum Unterhalten oder einer Partnerin für die Urlaubsreise. Andere wiederum suchen Selbstbestätigung oder wollen etwas Neues ausprobieren. Oft will man auch nur dazugehören, hat sozialen Druck von Freunden und Freundinnen, „weil es jeder macht“, erläutert Hermann Astleitner, Pädagoge an der Universität Salzburg, der, neben anderen Themen aus dem Bereich der Pädagogik, Tinder im Fokus hat.

Selbstbestätigung ist das, was außer einer Beziehung, am meisten erhofft wird: Vielen Usern geht es um ein möglichst großes, positives Feedback. Nicht überraschend, dass Tinder vor allem bei Menschen, die mit ihrem Äußeren zu überzeugen wissen, besonders beliebt ist. „Attraktive Menschen haben es im Leben oft leichter, das gilt auch für Tinder“, macht der Uni-Pädagoge auf einen Verstärker-Effekt aufmerksam. 

Selbstbestätigung und Selbstinszenierung sind die Dinge, auf die es beim Online-Dating ankommt. Das erste Foto, das ein User, also ein potentieller Partner am Handy von einem zu sehen bekommt, ist ausschlaggebend für die alles entscheidende Frage: Nach links wischen, also weg mit diesem Foto,  oder nach rechts: den oder die schaue ich mir an.  Perfekte Fotos, sehr oft mit Photoshop nachbearbeitet, dazu ein ansprechendes, oft auch nicht ganz der Wahrheit entsprechendes Profil – das kann auch in einen übertriebenen Körperkult ausarten. „Man entwickelt ein stärkeres Bewusstsein, gleichzeitig aber auch eine verstärkte Kritik gegenüber dem eigenen Aussehen“, veranschaulicht Uni-Pädagoge Astleitner. User, vor allem die Jüngeren, glauben, dass es immer etwas Besseres gibt.   

Studien zeigen auch, dass, je intensiver Tinder genutzt wird, je öfter und je länger man an der Tinder-App hängt, umso wählerischer wird man.    

Anfängliche Euphorie 

Anfangs kommt die App bei den Usern sehr gut an. Das bestätigt eine Masterarbeit an der TH Köln, in der Menschen zu ihren Erfahrungen auf Tinder interviewt wurden. Der schnelle Erfolg und die Selbstbestätigung durch die vielen Matches turnt viele Nutzer an: „Krass, ich hätte nicht geglaubt, dass soviele Frauen mich attraktiv finden“, so ein Tinder-Nutzer im Interview. 

Eine Begeisterung, die mit der Zeit abflaut, wie Autorin Anne-Kathrin Vitt in ihrer Untersuchung festhält. Der Dating-Stress im realen Leben ist nämlich in weiterer Folge wesentlich mühevoller als das schnelle Wischen in der digitalen Welt. Und wenn sich nach und nach Gefühle der Enttäuschung, Langeweile oder Anstrengung einstellen, ist es mit dem Kick auch schnell wieder vorbei. Oft wird auch eine Oberflächlichkeit realisiert: „Tinder ist mir zu banal, ich versuch es mit Elite-Partner“, resumiert eine Nutzerin in einem anderen Interview der Studie. 

Andere wiederum stumpfen regelrecht ab. Vor allem psychisch, wenn in Sekundenschnelle emotionslos nach links oder nach rechts gewischt wird. „Ich konnte anfangs diese Egal-Haltung beim Wischen nicht nachvollziehen, aber mit der Zeit war es bei mir genauso“, berichtet ein Tinder-Nutzer.

Eine reichere Erfahrung

Tinder ist schnell und unverkrampft. Die App schafft unkomplizierte Möglichkeiten, viele Menschen kennenzulernen und bietet dadurch hohes Erfahrungspotenzial. Jugendliche können leicht ausloten, wie es ist, Doppel- oder Mehrfach-Beziehungen neben vorhandenen Beziehungen zu haben. „Ob das aber zu einer langfristigen romantischen Beziehung führt, hängt von Faktoren ab, die immer schon gegolten haben, und zwar lange vor Tinder“, wie Pädagoge Astleitner dazu ausführt. Das Beziehungs- und Sexualleben bei Jugendlichen ist über die letzten Jahrzehnte relativ ähnlich geblieben. Worauf es aber ankommt: „In einer hyper-dynamischen und komplexen Gesellschaft Bedeutung und Bedeutsamkeit zu finden“, so die Schlussfolgerung des Pädagogen. Tinder könnte sich dabei als durchaus hilfreich erweisen. Astleitner: „Vielleicht ist Tinder ein technisches Mittel, das auf diese Notwenigkeit hinweist.“    

Dr. Brigitte Gappmaier 

    

Das (Weg)Wischen der Tinder-Generation 

Tinder ist eine US-amerikanische, kostenlose Dating-App. 2012 veröffentlicht war sie die erste Dating-App, die nur auf dem Smartphone anwendbar war und dadurch besonders bei der jüngeren Generation viele Anhänger fand. Tinder konnte mittlerweile über 50 Millionen User in 196 Ländern für sich begeistern und steht im weltweiten Download-Ranking damit an zweiter Stelle. Die Anwendung ist einfach. Für die Profilerstellung genügen ein paar Fotos sowie einige Wunschparamater zum gewünschten Partner. Gefallen sich zwei User und wischen das Profil des anderen dementsprechend nach rechts oder drücken den Herz-Button, erhalten sie eine Nachricht, dass sie einen Match haben. Jetzt besteht die Möglichkeit miteinander über die integrierte Chatfunktion in direkten Kontakt zu treten. Seit der Einführung der App gab es über 20 Milliarden Matches. Von den ca. 50 Millionen Usern sind etwa 10 Millionen täglich weltweit aktiv und wischen 1,6 Milliarden Profile nach rechts und links. Der typische User öffnet die App durchschnittlich elf Mal täglich. Mit der Dating-App verbringen Männer übrigens täglich durchschnittlich 7,2 Minuten, während es Frauen auf mehr als 8 Minuten bringen. Männer wischen durchschnittlich 46% der Profile nach rechts, Frauen hingegen nur 14%. Der Anteil der männlichen Tinder-User liegt bei über 60 Prozent, was die Auswahlmöglichkeit für Frauen dementsprechend erhöht.