Sonntag, 18. November 2018

Nierenkrank – Die Entgiftungszentrale im Streik

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Sie arbeiten rund um die Uhr und filtern täglich 1.800 Liter Blut. Obwohl die Nieren lebenswichtig sind, wissen die meisten Menschen kaum etwas über die etwa zehn Zentimeter kleinen, bohnenförmigen Organe in ihrem Körper. Zum Themenkreis Nierenerkrankungen, Dialyse und Vorsorge sprach das PULS-Magazin mit OA Dr. Martin Gerke, der als Nierenspezialist an der Privatklinik Wehrle-Diakonissen das Dialysezentrum leitet.

Wie ernst muss man Nieren­erkrankungen nehmen?

Dr. Martin Gerke: In Österreich leiden etwa 400.000 Menschen an einer chronischen Nierenschwäche, der sogenannten Niereninsuffizienz. Die Tendenz ist leider steigend. Die Nierenschwäche geht immer mit einem hohen Risiko für Herzerkrankungen und Gefäßverkalkungen einher. Wird sie übersehen oder nicht richtig behandelt, kann eine künstliche Blutwäsche mittels Dialyse erforderlich werden. Im schlimmsten Fall kann der Patient aber auch einen tödlichen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden.

Wie wirkt sich die Nieren­schwäche im Körper aus?

Dr. Martin Gerke: Das Blut wird nicht mehr ausreichend gereinigt, was zur Ansammlung von schädlichen Schlackstoffen führt. Phosphor etwa stört bereits im Frühstadium einer Nierenschwäche den Knochenstoffwechsel – dem Knochen wird Calcium entzogen, was zu Verkalkungen der Gefäße und Herzklappen führt.

Wie kann man eine Nieren­schwäche erkennen?

Dr. Martin Gerke: Leider wird die schleichende Gefahr von Betroffenen meist erst im Spätstadium wahrgenommen. Symptome sind z.B. Magen-Darmbeschwerden mit Übelkeit, fehlender Appetit, Leistungsschwäche, Müdigkeit, Juckreiz, eine erhöhte Infektanfälligkeit,  hoher Blutdruck und Flüssigkeitsansammlung im Gewebe. Wenn diese Symptome auftreten, ist – abhängig von den Laborwerten – meist bereits eine Dialyse erforderlich.

Ist die künstliche Blutwäsche eine Dauerlösung?

Dr. Martin Gerke: Nein, leider kann die Dialysemaschine nicht alle Funktionen der Niere übernehmen – sie ist eine rettende Überbrückung bis zur Nierentransplantation. Die Dialysepatienten unserer Klinik kommen ca. dreimal pro Woche für vier Stunden zur Blutwäsche und erhalten dort auch fachliche Beratung und Begleitung. Es gibt eine Vielzahl an Komplikationen, die es zu vermeiden gilt. Die Haupttodesursache des Patienten an der Dialyse ist der plötzliche Herztod durch Herzrhythmusstörungen.

Das heißt, jeder Dialysepatient ist langfristig auf eine Nierentransplanta­tion angewiesen?

Dr. Martin Gerke: Im Prinzip ja. Nur ist nicht jeder für eine Transplantation geeignet. Außerdem gibt es viel mehr Dialysepatienten auf der Warteliste als Organspender. 2017 gab es in Österreich etwa 4.400 Nierenkranke, die auf die Dialyse und eine Spenderniere angewiesen waren.  Es ist mir wichtig, auf das Schicksal der Patienten und auf die Möglichkeit einer Organspende aufmerksam zu machen. Durch die moderne Transplantationsmedizin ist eine Lebendspende heute auch möglich, wenn Spender und Empfänger nicht die gleiche Blutgruppe haben. Für den Spender bleibt der Verlust einer Niere in der Regel ohne gesundheitliche Folgen, wenn er bislang gesund war und regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen erfolgen.

Was raten Sie als Nierenexperte in Bezug auf Vorsorge?

Dr. Martin Gerke: Jeder sollte an eine regelmäßige Nierenvorsorgeuntersuchung denken – ganz besonders Diabetiker, Fettleibige und Bluthochdruckpatienten, denn sie stellen mit fast 50 Prozent den höchsten Anteil der Dialysepatienten. Bislang wurde allgemein viel zu wenig in Sachen Vorsorge getan. Dabei gibt es gute Früherkennungsmarker, die es ermöglichen, durch rechtzeitiges Eingreifen ein Fortschreiten des Nierenfunktionsverlustes zu verzögern. Hinweise sind hoher Blutdruck, Wasseransammlungen oder Blut bzw. Eiweiß im Harn. Ein erhöhter Kreatininwert im Blut ist bereits ein Zeichen für eine um mindestens  50 Prozent verschlechterte Nierenfunktion und sollte unbedingt weiter abgeklärt werden. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und Fachärzten für Nierenheilkunde erforderlich. In der Steiermark gibt es seit 2016 ein landesweites Präventionsprogramm mit dem Namen „Niere.schützen“, welches das Ziel verfolgt, Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion möglichst frühzeitig zu entdecken und damit kardiovaskuläre Komplikationen zu verhindern. Es richtet sich an 45- bis 60-Jährige, bei denen entweder erhöhter Blutdruck, Adipositas oder Diabetes mellitus bestehen oder Nierenerkrankungen in der Familie bekannt sind. Es wäre wünschenswert, dieses Modell einer integrierten Versorgung österreichweit umzusetzen.

 

OA Dr. Martin GERKE, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie, Leiter der Dialyse an der Privatklinik- Wehrle-Diakonissen