Sonntag, 18. November 2018

Mediziner warnen vor "Morbus Google"

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Über Medizin- und Gesundheitsthemen informieren sich die Österreicher am liebsten im Internet. Der Hang zu  laienhaften Selbstdiagnosen nimmt zu.

Ob Google, Facebook & Co – mehr als zwei Drittel aller Internetnutzer in Österreich informieren sich online über gesundheitsbezogene Themen, wie die Statistik Austria im Vorjahr erhoben hat. Fast 80 Prozent der 25- bis 34-jährigen Frauen und immerhin noch mehr als 60 Prozent der 55- bis 64-jährigen Männer waren die jeweils, nach Geschlecht geordnet, stärkste User-Gruppe im Bereich „Gesundheitsthemen“.
Gesundheitsinformationen im Internet werden tendenziell von jüngeren Menschen mit einem höheren Bildungsgrad abgerufen. Daneben sind es hauptsächlich Frauen, die im Internet öfters Rat, gerade auf frauenspezifische Fragen, wie Schwangerschaften oder Menopause suchen.
Zudem erklärt sich die hohe Zahl an Frauen im Internet dadurch, dass diese meist für die Pflege von Kindern und Familienangehörigen verantwortlich sind. Dabei geht es häufig darum sich mit Betroffenen auszutauschen. Generell gab es für Kranke aber auch für Ärzte noch nie ein dermaßen tiefgreifendes Online-Informationsangebot zu jedem erdenklichen medizinischen Problem und Symptom. Grundsätzlich ersetzt die Recherche im Internet bei gesundheitlichen Beschwerden nicht den Besuch beim Arzt oder Apotheker. Selbstgestellte Diagnosen können schnell verunsichern und unnötige Sorgen bereiten. Im schlimmsten Fall verzögert eine verharmlosende Selbstdiagnose durch das Internet die gezielte Behandlung einer ernsten Krankheit. „Die Ärzteschaft wünscht sich selbstbewusste und informierte Patienten in Gesundheitsthemen. Dazu kann das Internet mit beitragen, allerdings sind die dort verfügbaren Infos von höchst unterschiedlicher Qualität. Und damit führen sie oft auch zu eklatanten Fehleinschätzungen von Patienten“, sagt Salzburgs Ärztekammerpräsident Karl Forstner zum Wert von Online-Informationen.

Angst durch Information

Leider liefern zahlreiche Websites nicht nur nützliche Tipps, sondern schüren eben auch die Ängste der sogenannten Cyber-Patienten, da diese kaum bis gar keine medizinische Ausbildung genossen haben, klagen Ärzte und Apotheker. Ganz besonders heikel wird die Laien-Online-Recherche dann, wenn die Websuche als diagnostisches Verfahren eingesetzt wird.
Schnell führen Bauchschmerzen zur Selbstdiagnose Magenkrebs oder eine harmlose Hautrötung wird als allergische Reaktion charakterisiert. In der Folge sind Atemnot und Nierenversagen auch hier nicht mehr fern. Rund um diese Selbstdiagnosephänome wird der Begriff Cyberchondie verwendet.
(Cyberchondie ist ein Mix aus den Wörtern Cyber und Hypochondrie und bezeichnet einen Menschen, bei dem ängstliche Zustände durch Informationen aus dem Internet ausgelöst oder verstärkt werden.)

Einschlägige Websiten werben ganz bewusst mit „Vorgehensweise bei der Diagnosefindung“. Hierbei handelt es sich um eine Auflistung verschiedener Körperteile. Wird auf einen speziellen Teil geklickt, folgen weitere Unterpunkte. Aus denen kann dann die „Krankheit“ herausgefiltert werden. Folgt man der Schritt-für-Schritt Anleitung, bleibt am Ende nur mehr das Symptom über – oft ein Bedenkliches.
Des Weiteren werden darunter häufige, mögliche und seltene Ursachen aufgeführt. Ein Mensch, der zu Paranoia neigt, wird dieses Ergebnis unter Umständen als Todesurteil auffassen.

Schutz durch Anonymität

Andererseits bieten gesundheitsbezogene Online-Informationen, Personen die etwa unter einer psychischen Erkrankung leiden und verständlicherweise anonym bleiben wollen, die Möglichkeit, sich durch Selbstrecherche Informationen zu einem Krankheitsbild anzueignen. Dies ermöglicht ihnen einen persönlichen und intimen Austausch mit anderen Betroffenen in diversen Foren. Bei Menschen mit stigmatisierenden Erkrankungen, wie HIV oder Anorexia, trifft ähnliches zu.
Durch die Online-Informationen sind Patienten so gut informiert wie nie zu vor. Das Arzt-Patienten-Gespräch gestaltet sich heute auch zunehmend als Dialog, statt wie in der Vergangenheit als Monolog. Vor einiger Zeit vertraute man einfach den Ratschlägen der Ärzte, heute werden diese hinterfragt.

Mehr Glauben als Wissen

Diese Entwicklung ändert auch die Kommunikation und Wissensvermittlung der Ärzteschaft und Apotheker. Dass Patienten und Angehörige gezielter und bewusster zu Krankheitsbildern und Therapien nachfragen, bestätigen Ärzte und deren Interessensvertretungen. „Es ist so, dass man sich als Arzt natürlich wissenschaftlich fortbilden muss, aber man muss sich heute auch populärwissenschaftlich weiterbilden. „Das heißt, ich muss auch Zeitungen oder Magazine lesen, da mich diese Inhalte und die damit verbundenen Fragen von Patienten täglich treffen können“, erklärt Johannes Winkler, ärztlicher Leiter der Privatklinik Salzburg. Ärzte sollen heute Antworten auf allerlei populäre medizinische Themen haben, auch wenn diese den Patienten nicht unmittelbar betreffen. Das Gefühl, dass die Menschen besser informiert sind – im Sinne von Wissen – hat Winkler aber nicht. Früher hätten die Leute gewusst, dass sie sich nicht so gut auskennen und hätten viel gefragt und Vertrauen zu den Ärzten gehabt, meint er. „Heute herrscht vor allem der Glaube vor, vermeintlich alles zu wissen und sich überall informiert zu haben. Ein tatsächliches Wissen ist es meistens nicht“, so Winkler.
Patienten, welche meinen, in Sachen Gesundheit selbst die besten Diagnosen zu stellen, nehmen den Ärzten zudem bei deren Beratungstätigkeit viel Zeit weg. „Es ist Aufgabe der Ärzteschaft, Patienten über Gesundheitsfragen aufzuklären. Dies braucht individuelles Verständnis, Zuwendung und Zeit. Durch das Internet fehlgeleitete Patienten bedürfen eines umso größeren Aufwands, um Fehleinschätzungen und Ängste zu korrigieren und zu beseitigen“, sagt Kammerpräsident Forstner dazu.
Grundsätzlich ist das Interesse der Bevölkerung an Gesundheitsthemen in den letzten Jahren stark gestiegen. Auch in Sachen Arzneimittel seien die Leute besser informiert als noch vor 20 Jahren, bestätigen Apotheker.

Apotheken warnen vor Selbstverschreibungen

„Wir raten bei Gesundheitsfragen auf jeden Fall zu einem persönlichen Gespräch mit dem Arzt oder Apotheker des Vertrauens – nur so kann eine gewissenhafte Diagnose und eine gezielte Behandlung mit den geeigneten Medikamenten garantiert werden“, erklärt Kornelia Seiwald, Präsidentin der Salzburger Apothekerkammer. Neben der Gefahr einer Fehldiagnose, die eine falsche Therapie mit ungeeigneten Medikamenten nach sich ziehen kann, ist man im Netz auch vor Arzneimittelfälschungen nicht gefeit.
Alles wird heutzutage gefälscht, vor allem Lifestyle-Produkte, Krebsmedikamente und potenzfördernde Mittel. Bei Medikamenten aus dem Internet handelt es sich bei 95 Prozent um gefälschte Ware, heißt es. Seriöse Versandapotheken erkennt man am EU-weiten Sicherheitslogo – einem weißen Kreuz auf grünem Hintergrund. Besondere Vorsicht ist bei Portalen, die rezeptpflichtige Medikamente anbieten, geboten, da diese nicht über das Internet vertrieben werden dürfen.

Beratung aus erster Hand nutzen

Das Internet hat uns viele Vorteile gebracht, trotzdem ist es vor allem bei Gesundheitsfragen ratsam, persönlichen Kontakt mit dem Arzt oder Apotheker des Vertrauens aufzunehmen, da sie eine individuell abgestimmte Beratung und Behandlung anbieten können. Infos, selbst qualitätsvolle, führen nicht zwangsläufig zum Verständnis komplexer Sachverhalte.
Damit sind naturgemäß Fehleinschätzungen Tür und Tor geöffnet. Zweifelsfrei ersetzen Infos aus dem Internet nicht den seriösen und fachlich kompetenten Zugang von Ärzten, so Ärztekammerpräsident Karl Forstner. Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit, und die sollten wir den Experten anvertrauen!