Hochsensibilität – der sechste Sinn

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Rüdiger Opelt ist erfolgreicher Buchautor und arbeitete als Gesundheitspsychologe, Seminarleiter und Supervisor. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind unter anderem Persönlichkeitsentwicklung und Familienpsychologie. 

Dr. Rüdiger Opelt  Klinischer Psychologe Psychotherapeut

Ist Sensibilität eine Krankheit? Hochsensible Menschen zeichnet unter anderem aus, besonders empfindsam zu sein und eine gute Beobachtungfähigkeit zu haben. Eigenschaften, die heutzutage nicht immer erwünscht sind.

Als ich ein Kind war, wollten mir alle meine Sensibilität ausreden, als wäre es eine Krankheit: „Du bist einfach zu sensibel, du siehst Gespenster, nimmt dir nicht alles so zu Herzen!“ Bald fühlte ich mich gestört und verunsichert. Es war ja auch wirklich blöd: Überall roch ich die faulen Eier, spürte die Lügen und Doppelbödigkeiten, sah die Gefahren, fürchtete mich vor dem, was mir die Erwachsenen als „Realität“ vorhielten. Man brauchte schon eine dicke Haut, wenn man das aushalten wollte, aber die hatte ich nicht. Doch ich konnte nicht aufhören, anders zu empfinden als die andern und alles zu hinterfragen. Ich war halt ein Grübler, ein Zweifler, und sehr leicht verletzt. In meinem Beruf merkte ich dann, dass meine Welt so ist, wie sie ist und dass ich daran nichts ändern will. Denn…

Hypersensibilität ist ein Talent! 

Menschen haben viele Talente und Hypersensibilität ist eines der Besten. Hypersensible eignen sich nicht als Kämpfer, Tatmenschen oder Organisatoren, sie sind Wahrnehmer und Fühler. Sie haben den sechsten Sinn für Gefahren und es ist nahezu unmöglich, sie anzuschwindeln oder ihnen etwas vorzumachen. In einer Welt der Täuschung und der Fake-News ist das unbezahlbar. Unsere Intuition ist ein unbestechliches Barometer, das einwandfrei aussagt, ob unser Gegenüber es gut meint oder nicht, ob ein angepriesenes Projekt hält, was es verspricht, ob eine Theorie mit der Realität kompatibel ist oder nicht. Wir sind Ganzheitsdenker, ungeeignet für Spezialistentum, wir können uns nicht auf ein Detail konzentrieren, denn wir spüren gleichzeitig alle anderen Aspekte rundum. Wir können uns in alles einfühlen, soweit, dass wir manchmal nicht unterscheiden können, wo der andere beginnt und das eigene Ego aufhört. Das bewahrt uns vor Egozentrik, macht uns beeinflussbar und zu geborenen Vermittlern.

Sensibilität unerwünscht

Hypersensible haben es nicht leicht. Sie werden als Angststörungen oder Asperger-Syndrom psychiatriert, mit Ritalin gefüttert und als Störfaktor in Therapie geschickt, damit sie ihr Wesen aufgeben und dickhäutiger werden. Sensibilität ist in unserer Zivilisation nicht erwünscht, die Erfolgsmenschen und Egoisten bevorzugt. Eltern werden als erziehungsunfähig kritisiert, wenn sie hypersensible Kinder nicht zur Räson bringen. Nichts könnte dümmer sein als Dünnhäuter zu Dickhäutern zu machen. Wenn alle Menschen zu Elefanten werden, ist bald alles Porzellan zerbrochen und das zarte Gespinst zwischen den Lebewesen zerrissen. Genau da stehen wir heute.  Vielleicht werden die Hypersensiblen die Welt retten, weil sie die Schattenseiten unserer Zivilisation ans Licht bringen. Sie sollten sich treu bleiben, denn ohne Wahrnehmung des Ganzen und all seiner Aspekte gibt es keine Heilung – für Pflanzen, für Tiere, für Menschen. Wer solche Kinder hat, sollte stolz sein und ihre Talente schützen. Sie werden noch oft und in vielfacher Weise gebraucht werden

 

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