Schneewalzer statt Beachparty

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Geht’s noch?“ Die ungläubigen Blicke der Badegäste sind unbezahlbar, wenn wir Ende Mai nachmittags mit den Skiern am Autodach ins Strandbad am Zeller See einlaufen. Nur die Einheimischen fragen kurz: „Gut gegangen?“ Ja, fast immer ziemlich gut, oft sogar sensationell. Im Mai, wenn im Tal bei fast 30 Krügerl im Schatten niemand mehr ans Skifahren denken mag, beginnt für die wahren Freaks im Hochgebirge nämlich die Firn-Hochsaison. Was die Frühsommerskitouren so spannend macht? Erstens hat man im Hochwinter im Hochgebirge nur selten etwas verloren – allein schon wegen der Lawinengefahr; zweitens die Schneequalität! Beste Abfahrtszeit im schmierigen Firn ist meist zwischen zehn und elf Uhr. Da heißt es nicht nur früh aus den Federn, das heißt auch Harscheisen, fallweise sogar Steigeisen, im Aufstieg. Der Schnee ist oft pickelhart. Eine der gemütlichsten Varianten hierzulande, den frühsommerlichen Firnrausch im Hochgebirge zu genießen, bietet die Großglockner-Hochalpenstraße. Die Straße wird Anfang Mai nach der Wintersperre geöffnet. Sie führt direkt in die Hohen Tauern bis auf 2500 Meter Seehöhe – oft kann man sogar noch im Juni direkt von der Straße weggehen. Das Skitragen entfällt oder wird minimiert. So profitieren heute auch die Bergsteiger und Bergsteigerinnen von der Hochalpenstraße, die in den 1930er-Jahren als Mischung aus genialem Tourismuskonzept und faschistischer Arbeitsbeschaffungspolitik errrichtet wurde. Tausende Glocknerbaraber schufteten mit Presslufthammer, Spaten und Krampen und bauten in Rekordzeit entlang der alten Säumerroute eine Autostraße über das Gebirge. 

HEDONISTISCHE SKITOUR

Wer in diese hochalpine Skitourenwelt entlang der Glocknerstraße einsteigen will, muss kein Top-Alpinist sein, es gibt auch einfachere Touren. Obgleich „einfach“ im hochalpinen Gelände natürlich ziemlich relativ ist. Anfängertouren sind das keine. Ein gewisses Maß an skialpinistischer Erfahrung und hochgebirgstaugliche Ausrüstung ist schon vonnöten. Wer sich seiner Sache nicht ganz sicher ist, soll sich jedenfalls einem Bergführer anvertrauen. Selbst am Kloben. Das ist jener 2938 Meter hohe Berg, der für viele der Einstieg in die Glocknerwelt bedeutet. Das Prinzip der Klobentour ist ziemlich hedonistisch: Minimale Leistung – maximaler Genuss: Zuerst lässt man sich zeitig in der Früh mit dem Kloben-Taxi zum Fuscher-Törl bringen, dann geht es knapp zwei Stunden und 500 Höhenmeter auf den Gipfel. Es folgt eine Abfahrt, die bei entsprechenden Verhältnissen, 1600 Höhenmeter Firneuphorie verspricht. Unten im Grünen wird man dann vom Taxi wieder abgeholt. Zu Mittag sitzt man dann schon beim Tauernhaus beim ersten Weißbier und nachmittags kann man dann die Badegäste im Strandbad verblüffen. Guter Plan.n

"Wenn Anfang Mai die Freibäder öffnen, ziehen die wahren Genießer mit Skiern ins Gebirge."
Thomas Neuhold
Journalist, Alpinist und Lehrbeauftragter an der Uni Salzburg.
Tourentipps & Literatur: Clemens M. Hutter/Thomas Neuhold, „Skitourenatlas Salzburg-Berchtesgaden“, Verlag Pustet, 2. Auflage, Salzburg 2014. Wolfgang Pusch, „Hohe Tauern“, Rother Skitourenführer, München 2009.  
Einkehr/Übernachtung: Glocknerhaus des Alpenvereins, Tauernhaus Ferleiten 
Lawinenwarndienst: www.lawine.salzburg.at