Adieu

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von Prof. Dr. Heinrich Schmidinger - Rector emeritus der Universität Salzburg, Philosoph und römisch-katholischer Theologe

Eine der frühesten und oft wiederholten Definitionen von Philosophie lautet: Philosophieren heißt Sterben lernen, man könnte auch sagen: Abschied nehmen. Ebenso häufig wurde Philosophie als die Kunst verstanden, das Leben so zu gestalten, dass es gelingt und glückt. Die beiden Aussagen widersprechen sich nicht. Vielmehr bilden sie zwei Seiten derselben Medaille. Sie korrespondieren den beiden Gesichtern, in denen uns der Tod betrifft – einmal dem unausweichlichen Ende, das zwar nicht zu er-leben ist, in dem jedoch die gewisseste Zukunft allen Lebens liegt, dem radikalen Aus jeden Zeitenlaufs, mit dem das unwiderrufliche Vorüber unserer Existenz eingetreten sein wird; dann aber auch der Voraussetzung für die absolute Einmaligkeit unseres Lebens, für den unbedingten Wert desselben, mit dem es umzugehen gilt, sowie dem Garanten dafür, dass die Hölle einer ewigen Zeit ausgeschlossen bleibt. Nicht von ungefähr heißt es daher bei Seneca: „Lieb hab ich Dich, Leben, durch die Wohltat des Todes“. So ist der Tod auch nicht allein der „wilde Sensenmann“, der vorübergehen soll – wie es im bekannten Schubert-Lied heißt –, sondern zugleich der „wahre, beste Freund“, ja der beruhigende und tröstende „Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit“, für den Mozart im letzten Brief an seinen Vater Gott dankt. In jedem Abschied verhalten wir uns zum Tod, diesem ständigen Begleiter unseres Lebens. Deshalb will er gelernt sein wie das Sterben und die Lebenskunst. Wo er über das bloße Ciao, Servus, Tschüss, Bye, Pfiat-di hinausgeht, zu einem tatsächlichen Abschied wird, spiegelt sich das Doppelgesicht des Todes in ihm: Auf der einen Seite in dem Sich-fügen ins Unvermeidliche – Einwilligung wäre zu viel gesagt –, auf der anderen Seite in der Anempfehlung an etwas Gutes. Nichts drückt dies schöner aus als das französische Adieu, das italienische Addio, das spanische Adiós oder das portugiesische Adeus. Sieht man von dem (mehr) in Deutschland gebräuchlichen Ade ab, gibt es im Deutschen dazu keine direkte Entsprechung. Gott befohlen wäre die naheliegende Übersetzung, wohl auch Geh mit Gott. Deutlich mehr als in Leb wohl oder Goodbeye wird in Adieu ... Gott adressiert – à Dieu. An ihn denken wir normalerweise nicht, wenn wir uns mit Adieu verabschieden. Sei es auch noch so ungewollt, das jedoch, wofür Gott stand, als sich das Wort einbürgerte, klingt schon allein dadurch, das es dieses Wort immer noch gibt, weiterhin an: Im Tod birgt sich Gutes, das einem endenden Leben in seiner Einmaligkeit gerecht entgegenkommt, ihm über alles offen Gebliebene, Unerfüllte und Fragmentarische hinaus das Sterben-müssens für alle Ewigkeit abnimmt. Diesen „Bruder Tod“ – italienisch „sora nostra morte“ –, wie ihn Franz von Assisi gepriesen hat, wünschen wir, wenn wir uns von jemandem für immer verabschieden. Das ist, wie gesagt, ein Wunsch, eine Anempfehlung – kein Bekenntnis. Und es ist eine Hoffnung, dass es so sein möge – verwirklicht durch eine Kraft, die Leben und Tod gleichermaßen vermag.