Momente des Alleinseins leben

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Es gibt einen großen Unterschied zwischen Alleinsein und einsam sein. Viele Life-Coaches wollen uns neuerdings dabei helfen, Alleinsein zu lernen – vielleicht sogar noch in einer Gruppe – ein Widerspruch. Im Grund müssten wir das Alleinsein-Können aber nicht lernen, denn wir kommen alleine auf die Welt, nabeln uns von der Mutter ab und entwickeln im besten Fall eine ICH-Stärke, die wir schon ab dem dritten Lebensjahr vehement verteidigen. ICH, ICH, ICH, kann das schon alleine! 

Soziale Verbindungen pflegen

Auch unseren letzten Weg müssen wir alleine gehen. Die meisten Menschen sterben in dem Augenblick, wo man sie alleine lässt, wenn auch oft nur für eine Stunde. Die schwersten Wege werden alleine gegangen und das ist auch gut so. Trotzdem bleibt in den meisten von uns lebenslang die Sehnsucht bestehen nach einer symbiotischen Verbindung mit einer geliebten Person, nach einer Umarmung in absoluter Seligkeit. Ein Gefühl und eine Eigenschaft, die wir normalerweise als durch und durch soziale Wesen anstreben – bis ins hohe Alter. Einsame Wölfe, die niemanden brauchen als sich selbst, sind uns suspekt. Es gilt also die Balance zu finden, zwischen diesen Extremen. Ein erfülltes Leben führe ich, wenn ich weiß, ich kann gut mit mir alleine sein, ich kann mich mit mir selbst beschäftigen, ich ruhe in mir und schöpfe daraus Kraft, die ich dem anderen wieder zukommen lassen kann, wenn er mich braucht. Das ist etwas völlig anderes, als die Einsamkeit eines Menschen, der es zeitlebens vielleicht verabsäumt hat, sich ein soziales Netz zu knüpfen, das ihn durch Zeiten trägt, wo es keine erfüllende Liebesbeziehung gibt. 

Kinder wischen statt fragen

Heute zielt leider die Erziehung unserer Kinder einerseits auf Rund-um-die-Uhr-Bespaßung ab, und andererseits fördern wir ihre Präsenz in sogenannten sozialen Netzwerken schon im Kindergartenalter. Ich erlebe immer mehr Eltern, die schon Kleinkinder Memory auf ihrem iPad spielen lassen, anstatt ihnen mit allen Sinnen die Welt begreifbar zu machen. Man lernt wegwischen, anstatt „be-greifen“. Ich habe ein Kind erlebt, das glaubte, es könne ein Bild in einem richtigen Buch mit den Fingern vergrößern, als hätte das Buch ein Touchpad. So etwas tut weh und ist ein alarmierendes Zeichen von geistiger Vereinsamung. Einsamkeit wird ein großes Thema werden, nicht erst wenn die Bewohner der Single-Wohnungen alt werden. Machen wir es jetzt zum Thema. Ich sehe so viele Menschen in meiner Praxis, die in nach außen hin funktionierenden Ehen leben und jeder ist für sich einsam. Lassen wir uns nicht von der Fassade täuschen, fragen wir nach, wenn jemand auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet: „Ja, passt schon.“ Arthur Schnitzler sagte dazu: „Kein Gespenst überfällt uns in vielfältigeren Verkleidungen als die Einsamkeit, und eine ihrer undurchschaubarsten Masken heißt Liebe.“

Mag. Andrea Hammerer