Hygiene ein zweischneidiges Schwert

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Dr. Brigitte Gappmair

Einerseits sollten Kinder nicht in weitgehend steriler Umgebung aufwachsen, weil sich ihr Immunsystem erst in der Konfrontation mit Schmutz und Krankheitserregern fit fürs Leben machen kann. Andererseits kann in Kliniken und Pflegeheimen gar nicht genug Aufwand bei Reinigung und Desinfektion betrieben werden, um die Ausbreitung gefährlicher Keime zu bremsen. Denn die Erreger werden immer resistenter gegen den Einsatz von Antibiotika, immer mehr Patienten infizieren sich im Krankenhaus, viele sterben auch daran. Es war ein großer Segen für die Menschheit, als der schottische Bakteriologe Sir Alexander Fleming im Jahr 1929 das erste Antibiotikum namens „Penicillin“ entdeckte – wofür er 1945 den Nobelpreis bekam. Dieser Klassiker wirkt gegen eine ganze Reihe von krank machenden Bakterien und ist heute noch auf dem Markt. Penicillin und viele weitere Antibiotika, die in der Folge entdeckt und entwickelt wurden, haben viele Millionen Menschenleben gerettet und die Ausbreitung von Infektionskrankheiten gebremst. 

Die Waffe Antibiotikum ist stumpf geworden

Leider wurden dann aus Unkenntnis, Geldgier und Schlamperei auf vielen Ebenen viele Fehler gemacht, die dazu geführt haben, dass die Mehrzweckwaffe Antibiotikum stark an Wirksamkeit gegen gefährliche Krankheitserreger eingebüßt hat. Das führt jetzt dazu, dass sich weltweit die Infektionskrankheiten zur Todesursache Nummer 1 entwickeln, noch vor Krebs und den Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Grund: durch den oft unbedachten, ungerechtfertigten und massiven Einsatz von Antibiotika konnten viele Erregerstämme Resistenzen entwickeln. Denn die hohen Mutationsraten dank ihrer oft unglaublich schnellen Reproduktion versetzen Bakterien in die Lage, sich zu immunisieren. Je häufiger ein Erregerstamm mit einem bestimmten Antibiotikum in Kontakt kommt, desto schneller geht das. Für diese Entwicklung gibt es viele Ursachen: Jahrzehntelang haben Ärzte mit Kanonen auf Spatzen geschossen, indem sie bei jeder kleinsten Infektion gleich zu Antibiotika gegriffen haben. Der massive Einsatz von Antibiotika in Kuh- und Schweineställen, viel zu oft in verbotener Weise, hat ebenso die Bildung von Resistenzen befördert wie auch ein  schlampiger Umgang und Einsparungen in Krankenhäusern und Pflegeheimen bei den so wichtigen Hygienemaßnahmen. „Brauchen wir nicht, es gibt ja eh Antibiotika“, hörte man früher des Öfteren.

Die Klinik als Hotspot der Krankheitskeime

Dabei sind Kliniken der klassische Hot­spot für Krankheitserreger, hier kommen sie alle zusammen und hier kommt ein Erregerstamm am häufigsten mit Antibiotika in Kontakt. Deshalb finden sich hier auch die meisten und gefährlichsten Erreger, auch solche, gegen die gar kein Medikament mehr hilft, die sogenannten Superkeime. Laut Schätzungen der EU-Behörde ECDC („European Center for Disease Prevention and Control“) infizieren sich jedes Jahr rund 8,9 Millionen Menschen in Kliniken und Pflegeheimen mit Krankenhauskeimen, jährlich sterben ca. 33.000 Menschen in der EU und im Europäischen Wirtschaftsraum, weil es gegen resistente Bakterien keine oder nicht genug wirksame Mittel gibt. Für die Kliniken in Österreich gibt es auch nur Schätzungen, weil die von vielen geforderte Meldepflicht für Klinik-Infektionen – was in Deutschland schon seit Jahren Standard ist – immer noch nicht existiert. „In Österreich starben im Jahr 2017 hochgerechnet etwa 2.400 Menschen in Folge solcher Infektionen“, sagt Brigitte Ettl, Präsidentin der Plattform Patientensicherheit. Rund 100.000 Patienten ziehen sich in Österreich pro Jahr während eines Klinikaufenthaltes Infektionen zu – etwa ein Drittel dieser Infektionen gelten als vermeidbar. Über massive Hygieneprobleme berichtete im Juli 2019 die ARD auch in deutschen Kliniken, was zur Folge hat, dass bis zu 600.000 Patienten Infektionen erleiden und bis zu 40.000 pro Jahr daran sterben.

VORBILD Holland

Erstaunliches gibt es dazu aus den Niederlanden zu berichten, denn dort setzt man konsequent und sehr systematisch auf Altbewährtes, nämlich auf Hygiene. Im Vergleich zu Deutschland verzeichneten die Kliniken in Holland fünfmal weniger Spitalsinfektionen und daher auch fünfmal weniger Todesfälle. In den Niederlanden bestimmen nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegekräfte, ob neue Patienten aufgenommen werden können. Wenn absehbar ist, dass sie ihren hohen Hygieneaufwand nicht halten können, weil zu viele Patienten im Haus sind oder Kollegen fehlen, bleiben die Betten leer. Damit genügend Zeit bleibt für eine der wichtigsten Maßnahmen überhaupt: Die Handhygiene. Rund 95 Prozent der gefährlichen Keime werden per Hand übertragen. Mindestens 30 Sekunden sollte jede Desinfektion dauern, vor und nach jedem Patienten. Bis zu insgesamt zwei Stunden pro Dienst ist das Krankenhauspersonal in Holland nur mit der Handhygiene beschäftigt.

ABWEHRKRÄFTE FÖRDERN

Aber in bestimmten Situationen kann ein Zuviel an Hygiene schlecht sein. Denn die Natur zeigt uns auch auf dem Gebiet des Mikrobioms (alle mikroskopisch kleinen Lebewesen wie Bakterien, Viren etc. auf der Erde), dass auch der Mensch ein Teil von ihr ist, umgeben von diesem unsichtbaren Universum der kleinsten Organismen. Und dass es deshalb besser ist, mit diesem Teil der Natur in Harmonie zu leben, eine Symbiose einzugehen. Milliarden von Bakterien leben auf unserer Haut, im Darmtrakt, im ganzen Körper. Wir könnten nicht existieren, wäre es nicht so. Vor allem im Kindesalter ist ein Zuviel an bakteriellem Abwehrkampf, an Hygiene, nicht wünschenswert, denn das kindliche Immunsystem muss sich in der Konfrontation mit Schmutz, mit Bakterien und anderen Krankheitserregern quasi schärfen und fit machen für die gesundheitlichen Herausforderungen des weiteren Lebens. Abwehrkräfte, einmal in der Kindheit erworben, schützen den Organismus oft Jahrzehnte lang. Ein Grund, warum am Bauernhof aufgewachsene Kinder meist weniger oft krank sind als andere. Fehlen Abwehrkräfte, ist das Immunsystem bald mal überfordert, kennt die Erreger nicht, und reagiert falsch in vielfältiger Weise – überschießende Reaktionen in Form von Allergien können die Folge sein, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises aber auch häufige Infekte und vieles mehr.                                                         

Handhygiene im Krankenhaus 

Spitalsaufenthalte sind bisweilen nicht zu vermeiden. Dabei ist man einem gewissen Infektionsrisiko ausgesetzt. Einerseits haben viele Patienten ein geschwächtes Immunsystem, andererseits wird man im Krankenhaus mit einem teilweise deutlich anderen Keimspektrum konfrontiert als im Alltagsleben. 
Eine der wichtigsten Vorbeugemaßnahmen ist konsequente Händehygiene – sowohl durch das Krankenhauspersonal als auch durch Patienten und auch Besucher. Für eine richtige Händedesinfektion sollten folgende Hinweise unbedingt beachtet werden:
1. Das Desinfektionsmittel über die gesamte Handoberfläche gut verteilen.
2. Handflächen gegeneinander reiben.
3. Mit verschränkten Fingern die Handflächen gegeneinander reiben.
4. Fingerrücken mit ineinander verhakten Fingern gegen die Flächen der anderen Hand reiben.
5. Linken Daumen mit der rechten Hand reiben und umgekehrt.
6. Abgewinkelten Finger der rechten Hand an der linken Handfläche reiben und umgekehrt. 
7. Die Hände sind sauber, sobald diese trocken sind.

 

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