Liefer- und Versorgungsengpässe bei Arzneimitteln

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Ob Antibiotika, Impfstoffe oder Schmerzmittel. Die Zahl der gemeldeten Lieferengpässe bei Medikamenten steigt stetig. Im Jänner waren 324, im Herbst 2019 waren kurzfristig sogar über 800 Arzneimittel in Österreich nicht verfügbar.
Ärzte und Apotheker sind zunehmend dadurch belastet, die Folgen für die Patienten abzufedern. Im PULS-Interview erklärt Salzburgs Apothekerkammerpräsidentin Kornelia Seiwald die Auswirkungen von Lieferengpässen.  

Gibt es bestimmte Produktgruppen, die besonders von den Lieferengpässen betroffen sind?

Seiwald: Nein, das zieht sich über alle Bereiche. Manchmal sind bestimmte Firmen betroffen. Oder Unternehmen die ihre ganze Produktpalette nicht liefern können. 

Warum bestellen die Apotheken nicht mehr Präparate, um Engpässe zu vermeiden?

Seiwald: Grundsätzlich muss man zwei Bereiche unterscheiden. Den Lieferengpass und andererseits die Kontingentierung. Das heißt, dass wir pro Monat und Apotheke generell nur ein bestimmtes Kontingent eines Arzneimittels bekommen. 

Ist die Kontingentierung nicht eine sehr unflexible Regelung?

Seiwald:  Natürlich. Denn auch der Großhandel bekommt nur ein bestimmtes Kontingent von den Pharmafirmen zugewiesen und ist seinerseits gefordert, dieses in irgendeiner Form gerecht auf seine zu beliefernden Apotheken aufzuteilen. Meist wird dabei auf Zahlen zurückgegriffen, wie viel eine Apotheke in der Vergangenheit von einem Medikament benötigte. Das ist nicht immer gerecht, wenn es um einen Einzelfall geht, und ein Patient ein bestimmtes Medikament braucht. Meist handelt es sich bei den kontingentierten Arzneimitteln um hochpreisige Produkte.

Wie gehen Sie mit den Lieferengpässen und Kontingentierungen im Alltag um? 

Seiwald:  Das ganze Thema fordert die Apothekerschaft massiv. Wir sind im Laufe eines Apothekenalltags viele Stunden nur mit dem Lösen der Lieferengpässe beschäftigt. 

Sind die günstigeren Generika ebenfalls ein Grund, warum Markenmedikamente weniger nach Österreich geliefert werden? Diese werden ja lieber in Länder geliefert wo höhere Preise zu erzielen sind.

Seiwald:  So würde ich das nicht formulieren. Wir sind für den Arzneimittelmarkt relativ uninteressant, weil Österreich ein Niedrigpreisland ist. Lieferengpässe werden nicht nur durch die billigen Generika verursacht, denn im Erstattungskodex werden diese günstigen Generika vorrangig gelistet. Der Arzt muss immer das günstigste Medikament verschreiben. So werden weniger höherpreisige Originale verkauft. Diese ziehen dann in Sachen Preisgestaltung nach und verbilligen sich über kurz oder lang. Für den Verbraucher ist das eigentlich eine gute Entwicklung. Es ist natürlich legitim, dass ein Hersteller, der für ein Präparat sehr viel in Forschung und Entwicklung investiert, erst einmal einen bestimmten Preis verlangt, bis der Patentschutz abgelaufen ist.

Sollten für die heimische wie europäische Pharma­industrie und für den Pharmahandel mehr Anreize geschaffen werden, um verstärkt in Europa zu investieren?

Seiwald:  Unbedingt. Eine Ursache für dieses ganze Übel ist die Globalisierung. Die ganzen Produktionsstätten liegen im asiatischen Raum oder im Extremfall überhaupt nur an einem Ort in der Welt. 2018 hatten wir das Problem mit einem verunreinigten Wirkstoff, da ging es noch nicht einmal um das fertige Arzneimittel. Dieser wird jedoch nur an einem einzigen Ort weltweit produziert. Alle Chargen mussten zurückgerufen werden. Der produzierte Wirkstoff war nicht mehr vorhanden. Zahlreiche Patienten mussten auf ein nicht wirkstoffgleiches Präparat umgestellt werden. In diesem Fall auf ein anderes Blutdruckmedikament. Wünschenswert wären Produktionsstätten in Europa, aber das ist ein frommer Wunsch. Aber zumindest europäische Lagerstätten sollten umgesetzt werden.

Worauf müssen sich die Leute einstellen? Bleibt das ein Dauerzustand oder sind Lösungen in Sicht?

Seiwald:  Im Moment sieht es so aus, dass man sich auf Lieferengpässe einstellen sollte. Und man sollte bei Dauermedikamenten für chronisch Kranke darauf achten, dass man rund 14 Tage selbst versorgt ist. 

Mit welchen Änderungen könnte man die Lage entschärfen?

Seiwald: Wir wünschen uns von Seiten der Apothekerschaft einen erweiterten Notfallparagraphen, sodass in Situationen, in der der Arzt nicht erreichbar ist, Probleme schnell und unbürokratisch gelöst werden können.