Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz ist enorm wichtig

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Im PULS Interview erklärt Pro Mente Salzburg Geschäftsführer Alfons Riedlsperger warum psychische Belastungen am Arbeitsplatz zunehmen und warum Krisenintervention so wichtig ist.

Sind psychische Belastungen ein Thema in den
Betrieben?

Riedlsperger: Wenn nicht direkt, weil Betriebe die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz regelmäßig evaluieren, dann jedenfalls indirekt. Die psychischen Belastungen müssen immer im Gesamtkontext (Betrieb, Familie, Gesellschaft) gesehen werden. Wir können zwar nur die betriebliche Komponente beeinflussen, dennoch wirken die anderen Faktoren mit hinein. Wir beobachten, dass sich die Betriebe mit denen wir beispielsweise im Rahmen unserer Wiedereingliederungsprojekte in Kontakt sind, der „Ressource“ Mitarbeiter*in in ihrer Wichtigkeit und Vielfältigkeit bewusster werden und dafür mehr Aufwand in Kauf nehmen.

Bei welchen Belastungsfaktoren besteht besonderer Handlungsbedarf?

Riedlsperger: Im Wesentlichen werden bei den Belastungsfaktoren fünf Merkmalsbereiche betrachtet: Arbeitsinhalte/Arbeitsaufgaben, Arbeitsorganisation, soziale Beziehungen, Arbeitsumgebung und neue Arbeitsformen. Gerade bei den neuen Arbeitsformen war die Corona-Pandemie ein „Brandbeschleuniger“ für Veränderung und Flexibilisierung in diese Richtung. Wir alle haben dazugelernt und der Digitalisierung wurden neue Türen geöffnet. Die Menschen müssen/können sich ständig entscheiden und haben viel mehr Wahlmöglichkeiten als früher. Dies führt zu Stress und kann belastend wirken. Umso wichtiger ist es als Betrieb, eine Kultur aus Wertschätzung und Empathie aber auch Verantwortungsbewusstsein und Sicherheit zu schaffen. So ist in unserem Bereich als psychosozialer Träger der menschliche Kontakt zu den Klient*innen nicht ersetzbar und dennoch halten neue Techniken wie Krisenintervention auf Chat-Basis oder Online-Psychotherapie Einzug. Das Betriebsmanagement muss in diesen Bereichen Offenheit zeigen, die Mitarbeiter*innen empowern und versuchen diese intrinsisch zu motivieren, damit der Unternehmenszweck als sinnstiftender und zentraler Inhalt wahrgenommen wird.

Welchen Nutzen haben Unternehmen, wenn sie sich mit dem Thema psychische Belastungen am Arbeitsplatz auseinandersetzen?

Riedlsperger: Der Nutzen ist mittel- bis langfristig eindeutig positiv und hat direkten Einfluss auf die Arbeitsleistung und Arbeitsqualität. Gerade in
einem Unternehmen wie der Pro Mente Salzburg
ist die psychische Gesundheit der Mitarbeiter*innen enorm wichtig. Seit Mitte der 1990er-Jahre hat
sich die Zahl der Krankenstandstage infolge
psychischer Erkrankungen, ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau, mehr als verdreifacht
(Quelle: WIFO Fehlzeitenreport 2020). Die OECD schätzt, dass in ihren Mitgliedsländern etwa 20% bis 25% der Bevölkerung im erwerbsfähigen
Alter von klinisch relevanten psychischen Leiden betroffen sind. Die Vermeidung von Krankenstandstagen, egal ob psychisch oder somatisch bedingt, hilft dem Unternehmen und der Gesellschaft Folgekosten zu sparen und persönliches Leid zu verhindern.

Wie funktioniert die ambulante/telefonische Krisenintervention?

Riedlsperger: Ziel und Auftrag der Ambulanten Krisenintervention ist es, niederschwellig, rasch und kostenfrei Hilfe und Unterstützung bei psychosozialen Krisen anzubieten und notwendige weiterführende Maßnahmen zu vermitteln. Darüber hinaus bietet die Pro Mente Salzburg in Zell am See, St. Johann und Salzburg die Möglichkeit für ambulante Gesprächstermine an. Die Kolleg*innen der Krisenintervention fungieren als Ansprechpartner*innen für Menschen in akuten Not- und Krisensituationen und erarbeiten gemeinsam mit ihnen eine individuell passende Lösungsstrategie. Die Erfahrungen zeigen, dass das innere Chaos und der Kontrollverlust, der mit einer Krisensituation einhergeht, durch gezielte Intervention bearbeitbar und bewältigbar wird.

Steigt der Bedarf seit der Pandemie?

Riedlsperger: Interessanterweise waren die ersten Monate der Pandemie mit einem Rückgang der Kontaktzahlen verbunden. Die Auswirkungen der Krise (Arbeitsplatzverlust, Zukunftsängste, Kontrollverlust) haben sich erst in Folge der fortschreitenden Entwicklung in psychische Belastungen umgewandelt. Derzeit sind wir rund 25% über den Zahlen des Vorjahres. Tendenz weiter steigend.