Vereinsamung senkt die Lebenserwartung

Zwei Drittel der Österreicher haben Angst vor Einsamkeit.
Einsam ist aber nur, wer sich auch tatsächlich einsam fühlt.

Dr. Brigitte Gappmair

In England ist Einsamkeit ein Regierungsthema mit eigenem Ministerium: Die krankmachende Vereinsamung wurde als gesundheitspolitische Zeitbombe erkannt, weshalb zu Jahresbeginn 2018 ein „Ministerium für Einsamkeit“ ins Leben gerufen und ein Maßnahmenplan gegen die Vereinsamung breiter Bevölkerungsschichten ausgearbeitet wurde. Denn neun Millionen Briten fühlen sich einsam und verbinden damit sehr negative Gefühle, die krank machen. Tendenz steigend.
So bekommen in Großbritannien zum Beispiel die Briefträger des Landes, die oft der letzte regelmäßige menschliche Kontakt vereinsamter Personen sind, eine neue Aufgabe. Sie sind angehalten, nicht nur die Post abzuliefern, sondern einsame Menschen aktiv aufzusuchen und mit ihnen zu sprechen – auch wenn es nur um den neuesten Tratsch aus der Nachbarschaft geht. Dafür gibt es denn sogar ein Honorar vom Staat.
Auch in Österreich haben zwei Drittel der Menschen Angst vor Vereinsamung. Die sozialen Medien sind hier keineswegs hilfreich, wie man meinen könnte, sondern sie verschärfen den Weg in die Einsamkeitsfalle sogar noch. Denn es besteht die Gefahr, dass die so wichtigen persönlichen Kontakte immer weniger werden. Man kommt – vor allem in der Pension – immer seltener aus dem Haus, da fast alles online bestellt und unkompliziert geliefert wird.
Weltweit gibt es bereits an die 150 Studien von Universitäten, die belegen, welche gesundheitlichen Konsequenzen mit chronischer Vereinsamung verbunden sein können. Was angesichts der steigenden Zahl sich einsam fühlender Menschen auch in Österreich zu einer großen Herausforderung für die Sozial- und Gesundheitssysteme werden wird oder besser gesagt – schon geworden ist. Es wird jetzt nur allmählich besser erkannt. Wobei es mit der Einsamkeit auch nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick aussehen mag. Denn es sind gar nicht so sehr die objektiven äußeren Umstände, auf die es ankommt, wie der deutsche Psychiater und Bestseller-Autor Manfred Spitzer in seinem neuen Buch „Einsamkeit“ betont, sondern auf das, was man dabei empfindet. Spitzer dazu in einem FOCUS-Interview: „Es handelt sich um ein subjektiv erlebtes Gefühl und hat keine direkte Verbindung zum Alleinsein im Sinne einer sozialen Isolation. Jemand kann sich sehr einsam fühlen und zugleich ganz oft unter vielen Leuten sein; ein anderer lebt sehr zurückgezogen und allein, fühlt sich jedoch nicht einsam, gerät nicht unter Stress und leidet auch nicht“.

Chronische Stressbelastung
Es ist also ganz gleich, von wie vielen Menschen man umgeben ist, die gesundheitlich bedenkliche Einsamkeit entsteht mit dem Gefühl, verlassen zu sein und keinerlei Hilfe zu bekommen. Das verursacht die existenzielle Stressbelastung. „Auch wenn objektiv keinerlei Gefahr droht, schaltet unser Gehirn in den Notfallmodus“, so Spitzer.
Wird chronisches Alleinsein subjektiv als Verlassenheit und Trostlosigkeit empfunden – also durchwegs negative Gefühle mit hohem Leidensdruck – erwächst daraus dieser gefährliche chronische Stress. Der Körper schüttet im Stressmodus vermehrt die Hormone Adrenalin und Cortisol aus. Das kann in weiterer Folge zu Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu einer ständig gestörten Verdauung, zu Depression und Alzheimer führen, die Immunabwehr schwächen und möglicherweise sogar Krebs auslösen. Längerfristig senkt die Krankheit „Einsamkeitssyndrom“ die Lebenserwartung laut internationalen Studien etwa in dem Ausmaß als würde man täglich 15 Zigaretten rauchen. Das kostet nach Berechnungen des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg (DKFZ) bis zu neun Lebensjahre, anders ausgedrückt, besteht damit ein um fast 30 Prozent höheres Risiko, früher zu sterben.
Auch Forscher der Harvard University bestätigen diese Ergebnisse. Sie kommen in ihrer in den „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlichten Studie zu dem Fazit, dass Menschen, die unter chronischer Einsamkeit leiden, ein deutlich erhöhtes Sterberisiko haben – vergleichbar mit dem von Rauchern oder stark Übergewichtigen.
Das Bedürfnis nach realen Kontakten mit anderen ist ein menschliches Grundbedürfnis wie Essen, Trinken oder Schlafen. Ein chronischer Mangel an direkten sozialen Kontakten, der negative Gefühle des Alleinseins und der Zurückweisung auslöst, spricht dieselben Hirnareale an wie Schmerz. Der Mensch ist von der Evolution als ausgeprägt soziale Spezies definiert. Ein Herdentier, wenn man so will, dem in der heutigen modernen Welt zunehmend die Herde verloren geht. Alleinsein ist uns nicht einprogrammiert, sondern schmerzt.  

Wer ist besonders betroffen und gefährdet?
Der deutsche Sachbuchautor und Pädagoge Thomas Hax-Schoppenhorst führt in seinem heuer veröffentlichten Werk „Das Einsamkeits-Buch. Wie Gesundheitsberufe einsame Menschen verstehen, unterstützen und integrieren können“ (Verlag Hofgrefe) neben den naheliegenden von Vereinsamung betroffenen Personengruppen wie alte und kranke Menschen auch andere an, an die man in diesem Zusammenhang nicht gleich denken würde.
Hax-Schoppenhorst: „Auch Jüngere zwischen 20 und 35 fühlen sich oft isoliert, weil sie sich in dieser Zeit auf die Lebenskarriere vorbereiten. Sie studieren, haben den ersten Job, gründen eine Familie. In diesem Hamsterrad geht ihnen das Emotionale verloren. Sie versäumen es, Kontakte zu pflegen. Andere sind gestresst, weil sie auf anhaltender Sinnsuche sind, im unüberschaubar großen Angebot der heutigen beruflichen Möglichkeiten immer noch nicht das Erfüllende gefunden haben und so das Gefühl haben, nicht zum Ziel zu kommen.
Besonders gefährdet sind jüngere Männer, die keine Partnerin haben und/oder arbeitslos sind. Rund 20 Prozent der deutschen Männer bis 35 gaben in einer Umfrage an, sich dauerhaft einsam zu fühlen, für Österreich sind diesbezüglich keine Zahlen verfügbar.
Aber auch in Berufen bei der Rettung, Polizei oder Feuerwehr sei die Gefahr der Vereinsamung groß, sagte Hax-Schoppenhorst in einem KURIER-Interview, „durch ihren Arbeitsalltag müssen sie im Umgang mit Tod und Krankheit Stärke zeigen. Für sie gibt es kaum Möglichkeiten, sich mitzuteilen“.

Wie kommt man aus der Einsamkeitsfalle?
Der amerikanische Psychologe John Cacioppo hat sich intensiv mit dem Thema befasst und ein Stufenprogramm entwickelt, das schon vielen Menschen geholfen hat: es geht längerfristig darum, gute und dauerhafte Freundschaften aufzubauen.  
Wer hierzulande gar niemanden zum Reden hat, kann sich jederzeit an die rund um die Uhr besetzte Telefonseelsorge wenden, die österreichweit unter der Nummer 142 zu erreichen ist. Hier ist immer jemand, der verständnisvoll zuhört.
Wer sich selbst und anderen Einsamen helfen will, könnte sich bei der Telefonseelsorge auch als ehrenamtlicher Mitarbeiter bewerben. Besonders gefragt sind hier Personen, die mehrere Sprachen können.

Was sonst noch hilft und glücklich macht
Die körperliche Nähe tut gut – das lässt sich durch Messungen bestätigen: die Herzfrequenz nimmt ab, die Atmung wird flacher, positive Emotionen entstehen, wir finden Ruhe, fühlen uns einfach wohler. Grund dafür sind die Hormone Oxytocin und Serotonin, die beim Kuscheln und auch beim Sex vermehrt ausgeschüttet werden. Man nennt sie deshalb auch „Bindungs-“ oder auch „Glückshormone“. Beim Sex ist es übrigens nicht nur der Orgasmus, der die positiven Reaktionen im Körper auslöst, sondern vor allem das Vertrautsein und Kuscheln danach, was die Zuneigung des Paares und die Bindung stärkt – das haben zumindest zwei Studien an den Universitäten Fribourg und Lausanne ergeben. Gegen Einsamkeit hilft Kuscheln also garantiert.