Einsamkeit – die Krankheit des Alters

Interview Mit Prof. WOLFGANG Aichhorn 

Es sind vor allem ältere Menschen, die unter Vereinsamung leiden, aber nicht nur: Auch jüngere vereinsamen. Das PULS-Magazin sprach mit Professor Wolfgang Aichhorn, MBA, Leiter der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Doppler Klinik. 

In England wurde vor kurzem ein Ministerium für Einsamkeit geschaffen – was sagen Sie dazu?

Prof. Aichhorn: Dass wir in Österreich ein Ministerium für Einsamkeit brauchen, soweit würde ich nicht gehen. Was wir aber brauchen, sind Experten-Foren. Ich könnte mir ein Gipfeltreffen zum Thema Einsamkeit vorstellen, so wie in Salzburg kürzlich ein Pflege-Gipfel einberufen wurde – mit allen Beteiligten.

Gibt es also auch bei uns Handlungsbedarf? 

Prof. Aichhorn: Es gibt sogar großen Handlungsbedarf. Einsamkeit ist ein sehr aktuelles Thema unserer Gesellschaft und hat mit dem Älterwerden zu tun. Allein aufgrund der demographischen Entwicklung  ist es notwendig, sich mit diesem Phänomen, das es vorher in diesem Ausmaß nicht gegeben hat, auseinanderzusetzen.  

Die Zahl der über 80-jährigen ist sprunghaft angestiegen, 2018 erleben wir die erste Welle eines Babybooms, den es im wirtschaftlichen Aufschwung vor dem Zweiten Weltkrieg  gegeben hat.  Die damals Geborenen sind die heute 80jährigen. Die nächste Welle kommt ab 2030 auf uns zu, wenn die Babyboomer der Sechziger-Jahre in diese Altersgruppe kommen.

Was kann oder muss angesichts dessen unternommen werden? Welche Schritte setzen Sie in Ihrer Klinik?

Prof. Aichhorn: Wir sind schon mitten in massiven Umstrukturierungen. Das Problem ist, dass bei Patienten, die unter Einsamkeit leiden, längere Klinikaufenthalte nötig sind. Man kann sie nicht gleich wieder entlassen, so wie man das bei Patienten tun kann, die sich einen Arm oder ein Bein gebrochen haben. Wir haben aber nur begrenzte Bettenkapazitäten zur Verfügung, da müssen wir Prioritäten setzen und uns überlegen, welche Patienten sind auch in anderen Einrichtungen gut versorgt und welche nicht.

Da ist es bei Patienten, die unter Einsamkeit leiden, wohl nicht zum Besten bestellt?

Prof. Aichhorn: Es gibt Einrichtungen, mit denen wir sehr gut zusammenarbeiten. Soziale Heimdienste, Rotes Kreuz, Essen auf Rädern und andere mehr. Die Betreuer fragen nach, wie es mit den sozialen Kontakten steht und achten, dass Patienten nicht total vereinsamen. Wir brauchen darüberhinaus aber neue differenziertere Modelle für eine umfassende Betreuung. 

Einsamkeit ist meist eine Krankheit des Alters. Wie hoch ist die Zahl jener, die wegen Einsamkeit in der Klinik landen?

Prof. Aichhorn: 2017 haben wir an der Psychiatrie knapp 400 Patienten gehabt, die über 70 Jahre alt waren. Bei rund einhundert davon war der Grund die Einsamkeit.

Es sind aber nicht nur Ältere, die von Einsamkeit betroffen sind.

Prof. Aichhorn: Auch junge Menschen kann es treffen.  Es sind Menschen, die am System, am Leistungsdruck zerbrechen, und die sich total ausklinken und jahrelang nicht aus dem Haus gehen. In Japan spricht man bereits von sogenannten „Hikikomori“. Damit sind Personen gemeint, die sich mindestens ein halbes Jahr von der Gesellschaft komplett zurückziehen und die Wohnung nicht mehr verlassen. 

Viele werden erst dann in die Klinik kommen, wenn es schon ganz schlimm ist?

Prof. Aichhorn:  Oft ist es ein langer Prozess, ein Schicksalsschlag, der Tod eines geliebten Menschen, dass jemand unbemerkt in die Einsamkeit rutscht. Wenn diese dann zu uns kommen, können wir meist bereits eine schwere Depression im klassischen klinischen Sinne feststellen.

Wie sieht die Behandlung aus?

Prof. Aichhorn: Zunächst macht man eine organische Abklärung und wenn nötig, eine medikamentöse Behandlung der Depression. Dann geht es darum, die Patienten aufzurichten, zu schauen, dass soziale Kontakte wieder möglich sind.

Wie lange dauert eine Behandlung in Ihrer Klinik?

Prof. Aichhorn: Im Schnitt 18 Tage. Je älter ein Patient ist, desto länger währt der Klinikaufenthalt. Das Problem ist, dass viele gar nicht mehr heim wollen. Weil draußen  die Unterstützung, die sie in der Klinik bekommen, nicht vorhanden ist.

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