Hormone - wie sie unser Leben bestimmen

von Dr. Brigitte Gappmaier

Ist man frisch verliebt, bringen Hormone die berühmten Schmetterlinge im Bauch zum Fliegen. Man fühlt sich großartig. Hormone können aber auch das Gegenteil bewirken - vor allem, wenn Lebensphasen enden und neue beginnen: in der Pubertät, im Wechsel, im Alter. Hormone, sind mehr als nur Botenstoffe. In den Drüsen produziert, steuern sie als Nachrichtenübermittler der Organe die Körperfunktionen. Ihr Einfluss auf die Psyche formt nach neuesten Erkenntnissen – neben den Genen und der sozialen Umwelt, in der man aufwächst - auch die Persönlichkeit des Menschen mit.

Fast 200 von ihnen hat man schon identifizieren können, aber an die tausend Hormone sollen es sein, wird vermutet, die so gut wie alles im menschlichen Organismus steuern. Sie entstehen in Drüsen, die über den ganzen Körper verteilt sind: Adrenalin wird in der Nebenniere produziert, die weiblichen und männlichen Geschlechtshormone entstehen in den Eierstöcken und den Hoden, und Insulin, das den Blutzuckerspiegel reguliert, wird in der Bauchspeicheldrüse gebildet. Um ihre Ziele zu erreichen, nutzen die Hormone das Verbindungsnetz des Körpers. Über das Blut gelangen sie überall dorthin, wo sie gebraucht werden und lösen dort vielfältige Reaktionen aus: Stoffwechselprozesse, die Bildung anderer Hormone, Gefühle wie Freude, Geborgenheit, Hunger, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit oder auch Schadenfreude, Misstrauen und Hass. „Hormone sind der Schlüssel, um unser Verhalten und die Persönlichkeit wirklich zu verstehen“, erklärte der Endokrinologe Martin Wabitsch von der Universitätsklinik Ulm kürzlich in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Neue Forschungen zeigen, dass die Gefühlswelt ganz eng mit dem Hormonprofil des jeweiligen Menschen verbunden ist: Was wir tun, beeinflusst die Hormone, und die Hormone beeinflussen, was wir tun. Frauen wissen das. Nicht weniger als 75 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter gaben in einer Umfrage an, dass ihr Zyklus ihre Stimmung beeinflusst. Das sind häufige innere Anspannungen, Reizbarkeit, Streit und mitunter auch depressive Phasen, was auf einen Mangel der Hormone Östrogen und Gestagen zurückzuführen ist, die in dieser Phase in geringerer Konzentration ausgeschüttet werden. Wie zwiespältig Hormone auf die Persönlichkeit wirken können, zeigt sehr gut das „Kuschel“-Hormon Oxytocin, das es nämlich auch ohne Kuschel-Faktor gibt. Im Positiven fördert es die emotionale Bindung an den Partner, wird bei Körperkontakt, beim Streicheln, Küssen und besonders stark beim Orgasmus ausgeschüttet, vermittelt ein wohliges Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit. Es  kann aber auch das Gegenteil bewirken, wie der Niederländer Carsten De Dreu herausgefunden hat: Seine Studie zeigt, dass sich diese positiven sozialen Effekte nur auf bekannte Menschen und Mitglieder der eigenen sozialen Gruppe erstrecken. Fremden begegneten die Studienteilnehmer mit hohen Konzentrationen von Oxytocin im Blut mit Neid, Misstrauen und Schadenfreude – da war kein Kuschel-Faktor mehr feststellbar. Oxytocin verstärkt also positive wie auch negative soziale Vorurteile und Verhaltensweisen.

Die Liebe – nur ein Feuerwerk der Hormone?

In zahlreichen Studien haben sich Wissenschaftler mehrerer Fachrichtungen mit dem Hormongeschehen im Zustand der Verliebtheit befasst, das Fazit des Psychologen Peter Walschburger bescheinigt dem heftig Verliebten beinahe so etwas wie Unzurechnungsfähigkeit, ausgelöst durch ein wahres Feuerwerk der Hormone: „Die Gedanken sind einzig bei der großen Liebe, diese Aspekte stehen nicht mehr unter bewusster Kontrolle“. Die hormonelle Ursache dafür: bei frisch verliebten Menschen befindet sich der Serotonin-Spiegel auf einem besonders niedrigen Niveau. Das bewirkt eine Art Tunnelblick – es ist beinahe unmöglich, in dieser Phase nicht an den geliebten Menschen zu denken. Dabei tritt oft auch Nervosität und Traurigkeit auf. Deshalb kann die Euphorie schnell in Niedergeschlagenheit umschlagen, wenn sich der Partner mal länger nicht meldet. Niedriges Serotonin geht bei Verliebten oft mit sehr hohen Werten des „Belohnungshormons“ Dopamin einher. Es reicht manchmal schon, ein Foto der geliebten Person zu sehen, damit Dopamin ausgeschüttet und das Belohnungszentrum des Vorderhirns aktiviert wird, was wiederum in Verbindung mit diesem Menschen die Bildung der Bindungshormone Oxytocin und Vasopressin auslöst.

Hormone steuern die Lebensphasen

Die Pubertät ist eine der entscheidenden Entwicklungsphase. Startschuss für diese oft turbulente Zeit ist die Produktion des Proteins Kisspeptin. Es sorgt über mehrere Zwischenschritte dafür, dass die Sexualhormone LH und FSH ausgeschüttet werden. Bei Jungen kurbeln sie die Bildung von Testosteron an, das unter anderem Hoden und Penis wachsen lässt. Bei Mädchen werden Östrogene gebildet, die Brust beginnt zu wachsen. Neben der Ausbildung der Geschlechtsmerkmale findet in der Pubertät außerdem die letzte große Wachstumsphase statt: Das steht in engem Zusammenhang mit der Ausschüttung der Geschlechtshormone. Durch die verstärkt vorhandenen Sexualhormone neigen die Jugendlichen aber auch zu emotionaleren Reaktionen. So kann es in der Phase schnell zu Launenhaftigkeit und Streitereien kommen. Einige Jahrzehnte später, meist zwischen 40 und 60, geht die Konzentration der Geschlechtshormone wieder zurück, was sich besonders bei den Frauen bemerkbar macht: In den Wechseljahren, dem Klimakterium, wird die Produktion des Östrogens verringert, bis der Menstruationszyklus mit der Monatsblutung aussetzt – die fruchtbare Phase der Frau ist damit beendet. Diese weitreichende Umstellung ist allerdings für viele oft unangenehm: Schweißausbrüche, Libidomangel, Depressionen, Entzündungen und Trockenheit im Scheidenbereich sind keine Seltenheit. 

UMSTRITTENE HormonTHERAPIEN

Um die Beschwerden der Menopause zu lindern, machen viele Frauen eine Hormontherapie, nehmen Östrogene und Gestagene und schwächen so die Komplikationen ab. Doch diese Therapie ist vor allem seit der großen WHI-Studie (Women‘s Health Initiative) mit 16.000 Teilnehmerinnen aus dem Jahr 2002 umstritten. Die Studie musste damals nach 5 Jahren abgebrochen werden, weil sich deutliche Hinweise auf ein erhöhtes Risiko, an Brustkrebs, Schlaganfall, Herzinfarkt, Beinvenenthrombosen und Lungenembolien zu erkranken, gezeigt hatten. Allerdings wurde einige Jahre später bei einem neuen wissenschaftlichen Erkenntnisstand eine Neubewertung der Studienergebnisse durchgeführt und unter anderem darauf hingewiesen, dass das Durchschnittsalter der Frauen in dieser Studie mit 63 Jahren viel höher lag als bei Frauen im üblichen Menopausen-Alter, nämlich knapp bei 50 oder etwas darüber. So dramatisch wie im Jahr 2002 als die Studie wegen der  Krankheitsfälle abgebrochen werden musste und die Verschreibungen von Hormontherapien in der Folge weltweit um rund 80 Prozent zurückgegangen sind, wird das Thema in Fachkreisen heute nicht mehr gesehen. Aber man ist generell vorsichtiger geworden. Denn es bleiben immer noch Risiken, vor allem für Frauen mit Vorerkrankungen (Adipositas, Herz/Kreislauf, Diabetes, Thromboseneigung etc.) sowie bei zu langer Anwendungsdauer der Hormontherapie über das 60. Lebensjahr hinaus. Die meisten Ärzte raten Frauen, die unter Symptomen leiden, heute nicht mehr von Hormongaben ab, sondern empfehlen eine moderate Therapie auch mit neu dosierten Präparaten, die in der Zwischenzeit auf den Markt gekommen sind. Die Behandlung sollte früh beginnen und möglichst nicht länger als zehn Jahre dauern, spätestens ab 60 sollte Schluss damit sein, wird von den meisten Ärzten empfohlen, denn ab da steigen tatsächlich die Risiken, überdies sei ein spürbarer Nutzen für den Hormonhaushalt in diesem Alter auch nicht mehr vorhanden. Wobei nicht nur Beginn und Verlauf einer Hormontherapie unter strenger ärztlicher Kontrolle und enger Begleitung stattfinden sollten, sondern auch das Ende der Therapie, damit nicht wieder die bekannten Symptome wie  Schweißausbrüche udgl. auftreten: eine vorsichtige Reduktion der Dosis über einen längeren Zeitraum bis auf null – „langsam ausschleifen“, wie die Mediziner dazu sagen, sei in solchen Fällen für das Ende einer Hormontherapie angeraten.