Physiotherapie am Kiefergelenk

Beschwerden in der Kopf- und Gesichtsregion sind ein Phänomen, welches bei etwa 20% der Bevölkerung in Industrieländern vorkommt und weiterhin zunimmt. Eine Physiotherapie am Kiefergelenk kann hier helfen.

Häufig lässt sich der Auslöser dieser Symptome in der Kieferregion finden. Eine bisher unterschätzte Rolle scheint die Erkrankung mit dem Namen Cranio-Mandibuläre Dysfunktion (CMD) zu spielen. Die CMD beschreibt eine Fehlregulation (Dysfunktion) zwischen dem Schädel und dem Unterkiefer, des weiteren alle Beschwerden, die auf diese Fehlregulation ursächlich zurückzuführen sind. Symptome wie unerklärbare Zahnschmerzen, chronische Ohrenschmerzen, Tinnitus, Schwindel, Gesichts- und Kopfschmerzen sind häufig auf eine CMD als Grunderkrankung zurückzuführen.

Der Körper ist kein Einbahnsystem 

Das Kauorgan ist über die Muskulatur der Halswirbelsäule und das Nervensystem anatomisch und funktionell eng mit dem restlichen Körper verbunden. Diese Tatsache lässt uns verstehen, dass Funktionsstörungen im Kausystem Probleme im gesamten Organismus verursachen können und umgekehrt.

Der menschliche Körper ist kein Einbahnsystem und die Suche nach der Beschwerdeursache stellt zu Beginn die größte Herausforderung dar. Ein hochsensibler Regelkreis wird über drei wesentliche Faktoren gebildet, die in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander stehen: dem  Kiefergelenk, der dazugehörigen Kaumuskulatur und der Okklusion – diese beschreibt die Verzahnung des  Ober- und Unterkiefers, auch „Biss“ genannt. Innerhalb dieses Regelkreises ist der Körper bestrebt, Fehlfunktionen zu kompensieren und auszugleichen. Dies gelingt in der Regel ausgezeichnet. Es kann aber auch zu einer Dekompensation dieses Regelkreises kommen. 

Zum Beispiel durch den Verlust eines oder mehrerer Zähne, einer Veränderung der Kaufläche eines Zahnes oder emotionalem Stress. Da sich die  Zahnkontakte zwischen dem Ober - und Unterkiefer plötzlich ändern, büßt das Kauorgan seine Effizienz ein. Es arbeitet unter erhöhtem Kraftaufwand und Muskelschmerzen an den Wangen und den Schläfen können resultieren.

Auch ein mehr oder weniger lautes Knacken im Kiefergelenk kann die Folge sein. Dieses kann schmerzlos sein und nach einiger Zeit von selbst wieder verschwinden oder aber für den Betroffenen eine hohe Belastung aufgrund starker Schmerzen und eingeschränkter Funktion beim Sprechen und Essen darstellen. Gleichzeitig ist das Kauorgan ein Blitzableiter für Stress, dem wir in unserer modernen Industriegesellschaft immer mehr ausgesetzt sind.

Angewohnheiten, die zu einem übermäßigen und nicht normalem Gebrauch des Kauorgans führen, werden in der Medizin Parafunktionen genannt. Hierzu zählen das Zähneknirschen, aber auch Fingernägelkauen, Lippenbeißen oder Wangensaugen. Sie führen auf Dauer zu einer massiven Überbeanspruchung. Schäden an der Zahnsubstanz selbst und Schmerzen in den Kiefergelenken können resultieren und sich auch als Gesichts- und Kopfschmerzen zeigen und über den gesamten Nacken und die restliche Wirbelsäule ausbreiten. 

Ursachenforschung

In der modernen Zahnmedizin bieten bildgebende, diagnostische Verfahren wie etwa Röntgen, Magnetresonanztomographie und  Computertomographie exakte technische Hilfsmittel, um Veränderungen an den Zähnen und dem Gesichtsschädel nachzuweisen. Bei der CMD handelt es sich jedoch um eine so genannte „funktionelle Störung“, die häufig von keinem sichtbaren pathologischen Befund begleitet wird und selbst mithilfe moderner diagnostischer Verfahren schlecht beurteilbar ist. Betroffene haben deshalb häufig eine lange Leidensgeschichte mit zahlreichen Arztbesuchen (Ärztetourismus) hinter sich. 

Die Rolle der Physiotherapie 

Die Thematik rund um die CMD erfordert eine detaillierte Auseinandersetzung mit den anatomisch-physiologischen Zusammenhängen des menschlichen Körpers und der exakten Kenntnis der Physiologie des Kausystems. Dies setzt eine qualifizierte und vertiefte Ausbildung  in diesem Fachgebiet voraus.

Die Aufgabe der Physiotherapeuten ist es, primär die Balance im Kausystem wiederherzustellen. Die Kerninhalte einer erfolgreichen physiotherapeutischen Behandlung sind: 

  • die Wiedererlangung einer physiologischen „Ent“-Spannung der  Kaumuskulatur.
  • das Wiedererlernen einer vollständigen Mund­öffnung unterstützt durch manualtherapeutische Techniken.
  • die Aufklärung der Betroffenen über die Vermeidung von Parafunktionen. 

Die CMD ist so gut wie immer ein multifaktorielles Geschehen. Dies muss in der Behandlung berücksichtigt werden.  Ziel ist es, die Beschwerden langfristig zu beseitigen durch ein kollegiales Netzwerk aus zähnärztlicher/kierferorthopädischer Versorgung und physiotherapeutischer Betreuung. Ein gleichmäßiger Aufbiss der Zähne entlastet die Kiefergelenke und stellt den ersten Schritt zur Balance im Kausystem dar. So wird der Zahnarzt oder der Kieferorthopäde eventuell zur Bisskorrektur eine Schienen- oder Aufbissversorgung vornehmen, um die Entlastung der Kaumuskulatur zu gewährleisten. Parallel dazu erhöht die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Fachärzten für Neurologie, HNO Ärzten, Logopäden und Psychotherapeuten den Erfolg der Behandlung enorm!          

Nora Giger