Wer bin ich?

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Probleme in der Identitätsfindung, bei Identitätskrisen und Konflikte bei Heranwachsenden. Die Zeit der Revolte gegen Eltern, die Erwachsenen und die Welt, ist eine herausfordernde Lebensphase für Jugendliche und deren Umfeld.

Die Pubertät bedeutet ein Leben zwischen Abschied von der Kindheit und allmählichem Übergehen über Barrieren ins unbekannte Land der Erwachsenen. So sind in dieser Zeit auch die heftigen Affektkrisen und die Tendenz zu plötzlichen Stimmungsänderungen in der Pubertät zu verstehen. 

Krisenzeit, Ambivalenzen & Narzissmus

In der Pubertät steht im Vordergrund das Aufgeben von infantilen Bindungen. Das ist die Zeit der Identitätsfindung und Genitalität. Die Pubertät impliziert durch die hormonellen Veränderungen und den Zuwachs des Triebdrucks, ebenso durch die offensichtliche Veränderung des Körperbildes infolge der Ausbildung sekundärer Geschlechtsmerkmale, ein Krisenpotenzial.

Es ist die Zeit von der Revolte gegen die Eltern, die Erwachsenenwelt und dabei aber extremer Konformität in Bezug auf die Standards der Jugendlichen Gruppe. Es ist eine Zeit der deutlichen Ambivalenzen und der ausgeprägten Stimmungswandlungen. In dieser Zeit der Revolte und Rebellion haben Eltern und Erzieher wenig Möglichkeiten, Einfluss auf den heranwachsenden Jugendlichen auszuüben. Oftmals erreichen Erziehungspersonen in dieser Zeit das Gegenteil, wenn sie einen Jugendlichen zum Beispiel von Drogenkonsum fernhalten möchten. 

Instabilität und Inkongruenz sind allgemeine Charakteristika der Adoleszenz 

Die Strukturlockerung wird unter anderem als innere Leere, Isolierung und bedrückte Stimmung erlebt und oftmals wird eine Zuflucht in die Fantasie gesucht, wobei der Drogenkonsum oft eine verführerische Bedeutung in dieser Phase des Erwachsenwerdens bekommt. 

„Wer bin ich?“ ist die typische adoleszente-Frage. 

Aus psychoanalytischer Sicht gehen in dieser Identität auch die infantilen Triebschicksale und die traumatischen Erfahrungen ein. In der Entwicklungsphase werden nämlich Restphänomene mitgeschleppt, wie nicht bewältigte Entwicklungsaufgaben. Ein frühkindliches Trauma prägt somit die Zeit der Adoleszenz und ein sogenannter Wiederholungszwang behindert die fortschreitende Entwicklung. Kommt es in dieser Zeit zu einer Fixierung, zielt diese auf eine statische Position und lässt Änderungen nicht zu.

Extreme Ausgänge im Identitätsbildungsprozess sind die Überanpassung (die Ablösung von den Eltern wird nicht gewagt) und die Verweigerung. Regelkonformität wird abgelehnt. Dies zeigt sich zum Beispiel auch bei jugendlichen Fahranfängern, Risikolenkern, die Schwierigkeiten haben sich an Regeln und Normen zu halten. Die gesellschaftlichen Umstrukturierungen spielen eine wesentliche Rolle: In unserer Kultur ist der ehemalige autoritäre Charakter in der Sozialisation verschwunden und wird ersetzt durch einen eher Laissez-faire-Stil in der Erziehung. Dieser neue Sozialisationstyp ist weniger strukturell verankert.

Persönlichkeit wird durch Kindheit und Jugend bestimmt

In der Kindheit und Jugend werden somit die entscheidenden Grundsteine für das spätere Verhalten einer Person gelegt. Die Folge einer affektiv nicht intakten Familie für die Zukunft des Heranwachsenden sind schwerwiegend. 

Eine unreife Persönlichkeitsstruktur kann sich verschieden manifestieren, z.B. durch Nachgeben stiller, augenblicklicher Bedürfnisse (labile Persönlichkeit), Ausgeliefertsein von Umwelteinflüssen, Passivität, Entscheidungsfeindlichkeit und Hilflosigkeit. Adipositas zeigt sich bei Heranwachsenden u.a. als Schutzfunktion bei Abgrenzung gegen Übergriffe oder Erwartungen. Konflikte werden nicht erkannt, sondern gegessen.

Bei Anorexia ist Hungern als Abwehr bisweilen lebensbedrohlich, gleich einer Sucht, um Gefühle zu dämpfen, dass Gefühle keinen Raum haben zu dürfen, führt in Folge zur Schwierigkeit in der Autonomieentwicklung. Sexualität und Erwachsenwerden sind angehalten. Der Körper ist der Ort, an dem Konflikte ausgetragen werden.

Pandemie verzögerte emotionale Reife

Die emotionale Entwicklung vollzieht sich immer nur in Beziehung zur Umwelt, die ausreichend Möglichkeiten bieten muss. Daher braucht es eine Umwelt, in der die Entwicklung eines Menschen gefördert wird. 

Die Isolierung vieler Pubertierender durch die Pandemiezeit hat sicherlich schwere Traumen bei den Jugendlichen und Heranwachsenden ausgelöst und die emotionale Entwicklung und Reife behindert. In der Psychotherapie berichtet zum Beispiel eine Mutter, ihre Tochter (16 Jahre) möchte nicht mehr Frau sein, weil sie nicht so werden will wie sie (die Mutter), die sie als Opfer des Vaters erlebte.

Ein anderes Mädchen wurde jahrelang als Kind von ihrem Großvater sexuell missbraucht und konnte sich niemandem anvertrauen. Es war ihr widerlich, wenn ihr Großvater sie bei ihren heranwachsenden Brüsten betastete. Mit 16 Jahren entschied sie sich zur Geschlechtsumwandlung und zur hormonellen Behandlung und ließ sich die Brüste operativ entfernen. Kurze Zeit später erschien diese Person dann in meiner Praxis, weil er sich in der männlichen Rolle nicht zurechtfand. Mit der Aufarbeitung des sexuellen Traumas kam es zu einer Umorientierung und zur Entscheidung, wieder Frau werden zu wollen.

Ein anderer Fall war ein junger Mann, der enorme Aggressionen seinem Vater gegenüber hatte und mit der Mutter sehr symbiotisch verbunden war. Diese trauerte um eine verstorbene junge Schwester. Er meinte wörtlich: Die Mutter „wollte lieber die verstorbene Schwester und ich bin im falschen Geschlecht“. Er entschied sich dann, Frau zu werden und besuchte die Transambulanz. Nach einem Jahr erkannte er die Zusammenhänge, warum er sich im falschen Geschlecht fühlte. Er genoss es auch, dass der Vater so gelitten hat. Die Geschlechtsumwandlung war, aus seiner Perspektive, die härteste Strafe für den Vater. Bei einer Familienaufstellung fand er Zugang zu seinem inneren männlichen Kind, das sehr verletzt wurde und es kam auch zur Aussöhnung mit dem Vater. Er brach die Hormonbehandlung ab, bekam auch wieder Anschluss zu seinen Freunden und fand sich zu sportlichen Aktivitäten mit diesen zusammen.

Zum Schluss sagte er, „er dachte, es wären alle Probleme weg, wenn ich mein Geschlecht ändere. Ich habe aber erfahren, dass die nur größer geworden sind. Ich habe damals auch meine Freunde verloren, als ich in der weiblichen Rolle war“.

Dieser Darstellung liegt das Konzept der individuellen Abhängigkeit zugrunde. Diese Abhängigkeit ist zuerst fast absolut und wandelt sich langsam und auf bestimmte Weise in relative Abhängigkeit, bis hin zur Unabhängigkeit.  Es ist darauf hinzuweisen, dass die funktionelle und strukturelle Reifung des Gehirns im Durchschnitt mit 24-25 Jahren abgeschlossen ist. Betroffen ist vor allem der präfrontale Kortex der für vorausschauendes Denken, Impulskontrolle, Risikoeinschätzung Emotionsregelung und Verantwortungsübernahme steht. Die Reifung wird durch Stress infolge von Traumen Substanzkonsum, Psychischen Belastungen (z.B.Essstörung, Depression) verzögert

Kalkül

Jugendliche brauchen klare verlässliche Grenzen und gleichzeitig Respekt und Mitsprache. Das war zum Beispiel auch der Grund bei Erwerb des Führerscheins, den Probeführerschein auf 3 Jahren einzurichten, da die Lenkerberechtigung im Sinn der emotionalen Reife eine Regelkonformität voraussetzt.

Auch das Waffengesetz wurde verändert, indem u.a. das Alter bei Waffen der Kategorie B (etwa Pistolen und Revolver)für den Kauf von 21 auf 25 Jahre und Bei Kategorie C (etwa Flinten und Büchsen) von 18 auf 2a Jahren erhöht wurde.

Umso mehr sollte bei einem Wunsch sein/ihr Geschlecht zu ändern die tiefenpsychologischen Aspekte hinterfragt werden.

 

Dr. Maria Ruby