Die Toten von Salzburg

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Mag. Christoph Archet

„Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, ist nicht tot. Er ist nur fern. Tot ist nur, wer vergessen wird.“ Immanuel Kant

Die Bestattungskultur erfährt derzeit auf allen Ebenen einen markanten Umbruch. Die Menschen wählen heute zwischen kirchlicher Begräbnisliturgie, einer weltlichen Inszenierung oder Trauerfeier sowie anonymen Beisetzungen. Ausschlaggebend dafür sind veränderte Mentalitäten und die zunehmende Globalisierung. 4677 Menschen sind im Vorjahr im Bundesland Salzburg verstorben. Dabei nimmt Zahl der Erdbestattungen trotz steigender Sterberate kontinuierlich ab. Die Möglichkeit einer traditionellen Beisetzung mit Holzsarg und Grabstein, nehmen immer weniger Menschen wahr. Während in den 1950er Jahren noch rund 90 Prozent Erdbegräbnisse vorgenommen wurden, sind es heute nur mehr knapp 25 Prozent. Der Wandel der Bestattungskultur manifestiert sich am stärksten durch die stetig steigenden Zahlen an Feuerbestattungen und anderen Beisetzungsarten. In ihrer Vielfalt reichen diese von der Almwiesenbestattung über Baum-, Fels- und Flugbestattung bis hin zur Weltraumbestattung. Hinsichtlich der Einstellung zu Sterben und Tod gewinnt nämlich der Wunsch nach Individualität und Wahrung der Identität über den Tod hinaus eine herausragende Bedeutung, der allerdings auch durch immer neue Angebote des Bestattungsmarktes gefördert wird. Der Erfolg der Friedwälder und anderer Naturbestattungen zeugen von dieser Entwicklung. Während früher vornehmlich weltanschauliche Gründe für die Feuerbestattung vorgebracht wurden, erfolgt sie heute weitgehend aus lebenspraktischen Motiven, wie menschlich-ästhetischen, ethnischen, hygienischen und ökonomischen. Aber auch familiäre Veränderungen und finanzielle Gründe sind für die Wahl des letzten Platzes ausschlaggebend.

 Individuell im Tod

Anhand eines Dissertationsprojektes von 2013 wurde etwa der Frage nachgegangen, welche Motive für die Wahl freier Bestattungsrituale ausschlaggebend waren. Zentrales Merkmal war immer wieder der Wunsch nach „individuell passenden Formen“. Dieses Ergebnis wurde als logische Konsequenz aus der weit fortgeschrittenen gesellschaftlichen Individualisierung gedeutet.

Altes Brauchtum

Andererseits haben viele unserer Sterbebrauchtumstraditionen ihre Wurzeln im bäuerlich-ländlichen Lebenswandel.  Eine heute nicht mehr ausgeübte Praxis war jene der „Totenbretteln“. Ehe sich der Sarg in den ländlichen Gebieten allgemein durchgesetzt hatte, wurden die in Leinentücher eingewickelten Verstorbenen zuerst in der Stube auf sogenannten Totenbrettern (Leichladen) aufgebahrt und später mit demselben bestattet. Der „Leichenschmaus“ oder das „Gebet beim letzten Geleit“ gehen auch auf bäuerliche Sitten zurück. Da die Mahlzeit im Gedenken an den Toten eingenommen wurde, war ein leerer Sessel und Gedeck auf der Tafel mit eingeplant, der die symbolische Anwesenheit des Heimgegangenen andeutete. Davor angezündet war die Taufkerze des Toten, das „Seellichtl“. Heutzutage verliert das Totenmahl an  gesellschaftlicher Bedeutung. Es sollte aber eine unverzichtbare Sitte bleiben, da man im Freundes- und Familienkreis noch einmal gemeinsame Erinnerungen an den Verstorbenen austauschen kann.