Abschiednehmen als Prozess des Verinnerns

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Allzuoft leben wir in einer Unsterblichkeitsillusion.

In unserem Alltag werden ständig Abschiede vollzogen: „Bis später!“, „Fahr vorsichtig!“, „Hab einen guten Tag!“, „Bis heute Abend!“ – oft flüchtig, im Vorübergehen, aus dem Gewohnten heraus und oftmals in Gedanken schon woanders. Diese kleinen Abschiede sind meist getragen von einer unbewussten und unausgesprochenen Gewissheit, dass der andere zurückkommt, seine Abwesenheit nicht von Dauer sein wird. Wir leben in einer Unsterblichkeitsillusion.

Endgültigkeit

Für Menschen, die vom Tod eines nahestehenden Menschen betroffen sind, wird diese Unsterblichkeitsillusion aufgehoben. Alles Warten auf die Rückkehr des anderen verläuft ins Leere. Was nun wartet, ist die Realisierung, dass der Verstorbene nie mehr wiederkommt, dass der Abschied in dieser Welt auf Dauer und endgültig ist. Es kann hinzukommen, dass es möglicherweise erschwerende Faktoren in Bezug auf den Abschied gibt. Zum Beispiel, dass der letzte Lebensmoment verpasst wurde oder dass durch die Plötzlichkeit des Todes keine Verabschiedung zu Lebzeiten möglich war.

Abschied und Sinnfrage

Erfahrungen aus der Trauerbegleitung zeigen, dass ein bewusster Abschied – in welcher Form auch immer – für den Trauerprozess wichtig ist. Berühren und begreifen, beginnt das Unvorstellbare fassbar zu machen, wenn es auch seine Zeit dauert, bis wir tatsächlich verstehen, was das für uns und unser Leben bedeuten wird. Doch auch wenn kein Abschiednehmen beim Sterbenden oder Verstorbenen möglich war, bedeutet dies nicht ein Scheitern. Abschiednehmen ist ein Prozess und kann und muss immer wieder aufs Neue und in neuer Tiefe vollzogen werden. Beim Abschiednehmen werden wir oftmals auch mit spirituellen Fragen konfrontiert: „Was kommt danach?“, „Wer bin ich? – ohne den Menschen an meiner Seite?“

Die Beziehung würdigen

Abschiednehmen findet im täglichen Leben selbstverständlich statt, ohne dass uns bewusst ist, was dabei schrittweise geschieht. Man geht in Kontakt miteinander, man schaut sich an, man berührt und „begreift“ sich im wahrsten Sinne des Wortes – Berührungen und Umarmungen finden statt. Auf gedanklicher und seelischer Ebene nährt man sich damit gegenseitig, das Wissen um die Beziehung und die Verbundenheit bleiben. So kann Abschiednehmen als ein bedeutender zwischenmenschlicher Würdigungsprozess angesehen werden, der einen wertschätzenden Blick auf das lenkt, was wir einander waren und sind, auf unsere Beziehung in all ihren Facetten. Diese Würdigung bezieht sich damit nicht nur auf alles „Verbindende“ in einer Beziehung. Es dürfen auch Dinge, die scheinbar misslungen waren, Widersprüche, Konflikte, Belastungen und „Ungelebtes“ ihren guten Platz finden. Es gibt dich, es gibt mich und es war eine Beziehung, eine Verbindung in Liebe zwischen uns – im Schönen wie im Schweren. Im Prozess der Trauer um einen nahestehenden Menschen entsteht das Bedürfnis, vom anderen etwas mitzunehmen, die Beziehung ins weitere Leben zu integrieren. Es meint, einem Menschen, der in der Wirklichkeit, im Außen nicht mehr anwesend und (be-)greifbar ist, im Inneren einen guten Platz zu geben. Dies ist „Trauerarbeit“, anstrengend und erschöpfend. Sie braucht neben Möglichkeiten der Ablenkung und des zeitweiligen „Beiseitestellens“ immer wieder bewusste Zeichen der Hinwendung zum Verlorenen. Im Trauerprozess sind vielerlei Möglichkeiten zum Abschiednehmen hilfreich und werden in der Trauerbegleitung auf verschiedene Weise gefördert: zum Beispiel durch Rituale, Besuche am Friedhof oder an „gemeinsamen“ Orten, durch kreative Methoden, wie beispielsweise das Schreiben von Briefen an die/den Verstorbenen, um Ungesagtes zum Ausdruck zu bringen, durch Musizieren, Malen oder Töpfern. So unterschiedlich wie wir Menschen sind, so individuell sind auch unsere Bedürfnisse und Ausdrucksformen im Trauerprozess. In der Annäherung an die/den lieben Verstorbenen wird Abschied immer wieder neu und auf verschiedene Arten vollzogen und werden Möglichkeiten geschaffen, der Liebe, die für immer bleibt, Raum zu geben. Damit kann das endgültige „Du bist nun nicht mehr da“ erträglich werden und sich letztlich wandeln in Dankbarkeit für das gemeinsam Erlebte und die Liebe zwischen Dir und mir.