Die süße Sehnsucht nach innerer Ruhe

Immer wenn in uns der Wunsch nach etwas Süßem auftaucht, entsteht dieser ganz oft in Momenten, in denen wir uns nach innerer Ruhe, Orientierung und einem Gefühl von Geborgenheit und Halt sehnen. 

Der Impuls nach Süßem ist selten nur ein Verlangen nach dem süßen Geschmack von Schokolade und anderen Süßigkeiten, sondern vielmehr ein tiefes Verlangen unseres eigenen Inneren, das uns darauf hinweist, dass etwas in uns Berührung und Fürsorge braucht. Wenn wir jedoch lernen, genau diesen Moment achtsam und selbstliebevoll wahrzunehmen, öffnet er uns einen Weg zu dem, was unsere Seele wirklich braucht. Das ist in Wahrheit nämlich kein Zucker, sondern das große Bedürfnis nach Liebe und Sicherheit.

Wie frühe Prägungen nach Süßem verlangen lassen 

Dieses Gefühl haben wir im besten Fall schon sehr früh im Leben von unseren Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen gelernt. Ein tiefes Gefühl von Vertrautheit durch Wärme, Blickkontakt, liebevolle Berührungen und die verlässliche Nähe und Unterstützung einer Bezugsperson. Auch die Ernährung spielt dabei immer eine sehr wichtige und emotionale Rolle. Wenn wir traurig sind, werden wir oft mit einem Stück Schokolade getröstet und wenn wir beim Kinderarzt tapfer waren, haben wir einen Lutscher bekommen. Süßigkeiten widerspiegeln uns dadurch also immer auch ein Gefühl von Trost. Schon der süßliche Geschmack, der von Natur aus in der Muttermilch vorkommt, verbindet in uns ein tiefes Gefühl von „Ich bin sicher, ich werde gehalten und liebevoll genährt.“ Und genau diese frühen neuronalen Verknüpfungen bleiben ein Leben lang in unserem Nervensystem bestehen, ohne dass wir uns später tatsächlich noch bewusst an sie erinnern. Dennoch begleiten sie uns tagtäglich und ganz besonders in Momenten, in denen wir dieses Gefühl von Orientierung und Gehaltenwerden wieder dringend bräuchten, erinnert sich unser Gehirn an die Verknüpfung aus Emotion und Geschmack und verlangt nach Süßem, um die überforderten inneren Anteile zu beruhigen.

Wenn der Erwachsene in uns nach Trost sucht 

Im Erwachsenenleben melden sich diese Spuren demnach besonders dann, wenn unser Alltag uns überfordert oder die innere Anspannung immer mehr wächst und wir uns in unserem eigenen Selbst total hilflos fühlen. Der Griff zu etwas Süßem fühlt sich dann manchmal an wie ein vertrauter Rückzugsort, ein kurzer Moment des Durchatmens und Gehaltenwerdens, weil mit dem Geschmack der Süße auch kurz die Erinnerung an die früheren Gefühle von Aufgehobensein aktiviert wird. Auch wenn wir als Erwachsene natürlich schon wissen, dass Zucker uns nur vorübergehend beruhigt, reagiert unser inneres Kind dennoch sofort auf die alte, tief verankerte Erinnerung an Rückhalt und inneren Schutz. Ganz besonders dann, wenn ein verletzter kindlicher Anteil in uns sich durch die Süßigkeit für einen Augenblick gesehen oder getröstet fühlen möchte.

Wenn Süßes zur emotionalen Strategie wird

Zucker wirkt enorm schnell und erzeugt in uns sofort ein kurzes Gefühl von Leichtigkeit, doch die anschließenden körperlichen Blutzuckerschwankungen können eine erneute Unruhe auslösen und das Verlangen immer mehr triggern. So wird die volle Süßigkeitenlade mit der Zeit zu einer Art emotionaler Überlebensstrategie. Sehr häufig zeigt sich dahinter ein tiefes inneres Bedürfnis, das im Alltag aber leider kaum noch Platz bekommt, nämlich der Wunsch nach Pause, nach körperlicher Nähe und Stabilität und nach emotionaler Entlastung. Wenn wir jedoch gelernt haben, unserem inneren Richter, also unserem sehr strukturierten, strengen und fordernden inneren Anteil, das Kommando zu überlassen, können genau diese Bedürfnisse leicht übergangen werden, und das innere Kind verkümmert daneben immer mehr. Was den Wunsch nach einer schnellen, süßen Lösung meist noch zusätzlich verstärkt.

Ein achtsamer Weg zu unseren wirklichen Bedürfnissen

Wenn wir nun aber einen liebevollen Umgang mit diesem inneren Spannungsfeld erlernen wollen, bedeutet das nicht, unser Verlangen nach Zucker und somit unser Kinder-Ich ständig zu kontrollieren oder sogar zu meiden, sondern vielmehr, uns selbst liebevoll zuzuwenden. Denn wenn wir vor dem Griff in die Süßigkeitenlade nur für einen Atemzug innehalten und in uns hineinspüren, was wir wirklich brauchen, entsteht ein völlig neuer Raum unserer Selbstwahrnehmung. Vielleicht wünschen wir uns ja vielmehr eine kurze Pause anstatt eines Stücks Schokolade. Oder eine Form von Nähe und innerer Geborgenheit, die uns wieder mit uns selbst verbindet und die gar nicht nur durch den Konsum von Zucker gestillt werden möchte. Sobald wir lernen, unseren Bedürfnissen eine klare innere Aufmerksamkeit zu schenken, wird das süße Verlangen sukzessive seinen Druck verlieren, weil es in unserer Wahrnehmung und Selbstwirksamkeit dann nämlich nicht mehr die einzige Möglichkeit ist, unser inneres Ungleichgewicht behutsam auszugleichen.

Wenn wir lernen, uns selbst wieder liebevoll zu begleiten

Durch diese wachsende Sensibilität für unsere inneren Bedürfnisse in Momenten, in denen unser Körper nach Süßigkeiten verlangt, wird immer spürbarer, dass es uns in Wirklichkeit weniger um die Süße selbst geht, als vielmehr um das Bedürfnis nach Sicherheit, Vertrautheit und nach einer liebevollen Verbindung zu uns selbst. Manchmal braucht unser inneres Kind nämlich nur ein Gefühl von Gehaltenwerden und Geborgenheit. Und manchmal braucht unser erwachsener Anteil die Erfahrung, wieder Einfluss auf das eigene Erleben und insbesondere auf die eigene Selbstwirksamkeit zu haben. Wenn wir also lernen, diesen Bedürfnissen in uns mit einem liebevollen Mitgefühl zu begegnen, wächst allmählich ein Gefühl von innerer Stärke in uns, das uns hilft, Stressoren und Spannungen aus dem Außen auf unsere eigene, heilsame Weise zu regulieren.

 Dr. Sabine V. Schneider

Das Salzburger Magazin für Medizin, Gesundheit und Freizeit

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