Rheumatoide Arthritis – oft einfach „Rheuma“ genannt – gilt vielen Menschen noch immer als reine Gelenkserkrankung. Schmerzen in den Händen, geschwollene Finger oder Bewegungseinschränkungen stehen meist im Vordergrund. Doch aktuelle Daten aus der großen Salzburger Gesundheitsstudie „Paracelsus 10.000“ zeigen: Rheuma betrifft den ganzen Körper – und kann weitreichende Folgen für Gefäße, Psyche, Leber und Nieren haben.
Das Uniklinikum Salzburg untersucht gemeinsam mit den Forschenden der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) und der Paris Lodron Universität Salzburg (PLUS) seit Jahren die gesundheitliche Situation der Bevölkerung. Beteiligt sind unter anderem die Fachbereiche Neurologie, Geriatrie, Innere Medizin, Sport und Bewegungswissenschaften und Psychologie. Im Mittelpunkt der Forschung stehen gesundes Altern, Public Health und Brain Health. Mehr als 10.000 Menschen aus Salzburg und Umgebung wurden dafür medizinisch untersucht. Die daraus entstandenen Daten liefern wertvolle Erkenntnisse darüber, wie chronische Erkrankungen entstehen und welche Folgen sie langfristig haben. Ein besonderer Forschungsschwerpunkt liegt auf der rheumatoiden Arthritis. Die Erkrankung ist eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift. Dabei entsteht eine dauerhafte Entzündung, die nicht nur Gelenke schädigt, sondern auch andere Organe beeinflussen kann.
Eine aktuelle Untersuchung der PMU zeigt beispielsweise, dass Menschen mit Rheuma häufiger Veränderungen an den Halsschlagadern aufweisen. Diese Ablagerungen gelten als Warnsignal für Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Forschenden konnten nachweisen, dass Patientinnen und Patienten mit Rheuma deutlich häufiger Gefäßverkalkungen entwickeln als Menschen ohne die Erkrankung. Chronische Entzündung scheint dabei eine zentrale Rolle zu spielen.
Auch psychische Belastungen treten häufiger auf. In einer weiteren Analyse berichteten Menschen mit Rheuma deutlich öfter über depressive Symptome. Schmerzen, Müdigkeit und Einschränkungen im Alltag belasten viele Betroffene zusätzlich. Gleichzeitig dürfte die Entzündung selbst Einfluss auf das Gehirn und das emotionale Wohlbefinden haben. Die Studienautorinnen und -autoren betonen deshalb, dass moderne Rheumatherapie nicht nur Gelenke, sondern auch die psychische Gesundheit berücksichtigen sollte.
Darüber hinaus fanden die Forschenden Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Rheuma und Stoffwechselerkrankungen. So zeigte sich ein erhöhtes Risiko für eine sogenannte Fettlebererkrankung, die heute als „metabolische Lebererkrankung“ bezeichnet wird. Diese kann langfristig zu schweren Leberschäden führen. Auch Nierenerkrankungen traten bei Rheumapatientinnen und -patienten häufiger auf. Besonders auffällig war dabei eine erhöhte Eiweißausscheidung im Urin – oft ein frühes Warnzeichen für Nierenschäden. Interessant ist zudem der soziale Aspekt der Erkrankung. Menschen mit niedrigerem Einkommen oder geringerem Bildungsgrad waren in den Untersuchungen häufiger von Rheuma betroffen. Die Ergebnisse zeigen damit auch, wie eng Gesundheit und soziale Lebensbedingungen miteinander verbunden sind.
Für die Medizin bedeutet das einen wichtigen Perspektivenwechsel: Rheuma ist keine reine Gelenkerkrankung, sondern eine komplexe systemische Krankheit. Früherkennung, regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und eine umfassende Betreuung könnten helfen, Folgeerkrankungen rechtzeitig zu erkennen und die Lebensqualität der Betroffenen deutlich zu verbessern.
Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Paracelsus-10.000-Studie als eine der wichtigsten Gesundheitsdatenbanken Österreichs. Die aktuellen Arbeiten der PMU-Forschungsgruppe rund um Erstautor Mathias Ausserwinkler tragen dazu bei, die langfristigen Auswirkungen chronischer Entzündungen besser zu verstehen – und neue Ansätze für Prävention und Versorgung zu entwickeln.
Dr. Mathias Ausserwinkler


