Der eine Patient und die zehntausend

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Dr. Bernhard Wernly behandelt Kranke in der Klinik – und erforscht zugleich, warum ganze Bevölkerungen krank werden. Sein Werkzeug dafür: vier Salzburger Datenschätze, allen voran die Paracelsus 10.000 Studie.

In der Klinik behandelt Bernhard Wernly einzelne PatientInnen – ein Mensch, ein Befund, eine Entscheidung. Als Forscher arbeitet er mit den Daten von Tausenden. Wernly ist Internist und Leiter der internistischen Endoskopie an der Universitätsklinik für Innere Medizin I in Salzburg, dazu Forscher am Zentrum für Public Health und Versorgungsforschung der Paracelsus Medizinischen Universität – und wurde für seine Forschung bereits mehrfach als Wissenschaftler des Jahres ausgezeichnet. Der einzelne kranke Mensch zeigt ihm, was ist; erst die vielen Tausend zeigen, warum so viele erkranken. Zwischen diesen beiden Blickwinkeln spannt sich seine Arbeit auf.

Warum man Gesunde untersuchen muss

Die großen Volkskrankheiten verraten sich nicht durch Schmerz. Verkalkende Gefäße melden sich oft erst mit dem Herzinfarkt, eine geschwächte Niere lange gar nicht. Wer wissen will, warum Menschen krank werden – nicht erst, dass sie es sind –, muss bei den Gesunden anfangen und ihnen über Jahre zusehen.

Genau das leisten die Salzburger Studien, mit denen Wernly arbeitet. Im Zentrum steht die Paracelsus 10.000 (P10), ein Projekt der Salzburger Landeskliniken: rund zehntausend Salzburgerinnen und Salzburger, breit und tief vermessen – nicht weil sie krank sind, sondern um der Forschung ein ehrliches Bild einer ganzen Region zu geben. Bei einem Teil werden zusätzlich die Herzkranzgefäße auf Verkalkung untersucht, die Halsschlagadern auf Ablagerungen, das genetische Risiko ausgelesen. Ergänzt wird P10 durch die SAKKOPI-Datenbank des Krankenhauses Oberndorf, die im Rahmen der Darmkrebsvorsorge detaillierte Daten zu Stoffwechsel, Leber und Verdauungstrakt liefert, und durch die Salzburger Intensivdatenbank SICdb der Universitätsklinik für Anästhesiologie – eine der modernsten offenen Intensivdatenbanken Europas. Hinzu kommt eine eigene Datenbank der Leberambulanz an der Universitätsklinik für Innere Medizin I, die die in der Ambulanz abgeklärten und betreuten Patient:innen erfasst.

 

Mehr als die Summe seiner Teile

Hier liegt die eigentliche Stärke seiner Arbeit. Medizin denkt traditionell in Fächern: hier das Herz, dort die Niere, daneben die Leber. Der Körper hält sich nicht daran. Wernly forscht deshalb bewusst nicht in Organsilos, sondern auf drei Ebenen, die zusammen ein vollständigeres Bild ergeben.

Die erste ist die systemmedizinische. Viele scheinbar getrennte Leiden teilen eine Wurzel: eine stoffwechselbedingte, stille Entzündung. Übergewicht, hoher Blutzucker, kranke Gefäße, geschwächte Nieren und die verfettende Leber sind nicht einzelne Diagnosen, sondern Ausläufer desselben Geschehens – das, was die Medizin heute als kardio-renal-metabolisches Syndrom zusammenfasst. Die Fettleber etwa ist in dieser Sicht nicht das Problem, sondern dessen sichtbare Folge. An den Salzburger Daten lässt sich zeigen, wie diese Fäden zusammenlaufen: dass etwa auch chronisch-rheumatische Entzündungen mit häufigeren kardio-renalen Problemen einhergehen.

Was Bildung mit den Gefäßen zu tun hat

Die zweite Ebene ist die gesellschaftliche – und sie liefert den vielleicht überraschendsten Befund, der mit Biologie zunächst wenig zu tun hat. Österreich gilt als Land mit gleichmäßiger, guter Versorgung. Doch die Daten erzählen anderes. Menschen mit niedriger Bildung haben deutlich häufiger Ablagerungen in den Halsschlagadern – ein Risiko, das bis zum Schlaganfall reicht; höhere Bildung schützt messbar. Dasselbe Muster zeigt sich beim Übergewicht: weniger Bildung, mehr Adipositas. Bildung steht hier stellvertretend für den gesamten sozialen Hintergrund, und der schreibt sich bis in die Gefäße und den Stoffwechsel ein. Solche sozialen Faktoren sind keine weichen Begleitumstände, sondern eigenständige, messbare Gesundheitsdeterminanten – gleichwertig neben Blutdruck und Cholesterin.

Das Risiko in den Genen

Die dritte Ebene ist die genetisch-individuelle. Aus hunderttausenden winziger Erbgut-Varianten lässt sich ein persönliches Risikoprofil errechnen, ein sogenannter polygenetischer Score – eine Zahl dafür, wie stark jemand erblich für eine Krankheit vorbelastet ist. Wernly konnte an den P10-Daten zeigen, dass ein solches genetisches Profil die Vorhersage gefährlicher Herzkranzverkalkung deutlich verbessert, über die gängigen klinischen Risikorechner hinaus – besonders bei Frauen und jüngeren Menschen, also dort, wo die üblichen Werkzeuge am schwächsten sind. Ein Frühwarnsystem, lange bevor das Herz Beschwerden macht. Was Wernly dabei von vielen forschenden Kliniker:innen unterscheidet sind seine eigenen Analysemodelle. Ein neuer methodischer Schwerpunkt liegt auf der Bayesianischen Statistik – vereinfacht eine Rechenweise, die vorhandenes Wissen mit neuen Beobachtungen verbindet und so der ärztlichen Wirklichkeit oft näherkommt als klassische Verfahren. Dass eine einzelne Studie systemmedizinische, soziale und genetische Fragen unter einem Dach beantworten kann, ist selten – und genau das macht den Salzburger P10-Datenschatz wertvoll.

Was als Nächstes kommt

Eine Kohortenstudie ist das Gegenteil der schnellen Antwort: Man legt etwas an, das erst Jahre später Früchte trägt. Genau dort wächst P10 derzeit weiter. Durch die erhobenen Endpunkte lassen sich künftig langfristige Krankheitsverläufe und Sterblichkeit präzisier abbilden.

Was bleibt

Wozu das alles, jenseits der Fachzeitschriften? Die Antwort ist konkreter, als man zunächst annehmen könnte. Jede Erkenntnis darüber, welche Risiken – körperliche, soziale, genetische – zusammenwirken, verschiebt die Medizin nach vorn: weg vom Reparieren des Schadens, hin zum Erkennen der Gefahr, bevor sie eintritt. Was an Salzburger Daten gelernt wird, hilft am Ende den Patient:innen in der Klinik – und vor allem jenen Menschen, die nie zu solchen werden müssen. Wernly steht damit an einer Nahtstelle, die selten gut besetzt ist: zwischen ärztlicher Behandlung des Einzelnen und Forschung, die versteht, warum so viele erkranken. 

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